„Nie wieder Krieg“ war gestern. Heute müssen wir kriegstüchtig sein. Mit der „Zeitenwende“ haben Deutschland und EU auch ihre Diplomatie verloren. Wer Frieden fordert, ist ein „Lumpenpazifist“ und wird von der Zeit – „Die Tauben flattern nach rechts“ – in die extreme Ecke gestellt. Kriegs-Vokabular hat Entspannung und Verhandlung ersetzt. Der Konflikt-Forscher Dr. Leo Ensel zeigt in seinem „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“, wie Politiker und Medien verbal in Richtung eines angeblich „unvermeidbaren Krieges“ eskalieren.
Ein Gespräch auch über Entmenschlichung des Gegners, Apathie des Bürgers und den neuen coolen Militarismus, der Woke, Queer und Öko daherkommt.
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Interview mit Dr. Leo Ensel (deutsch)
Milena Preradovic: Nie wieder Krieg war gestern. Heute müssen wir kriegstüchtig sein. Oberste Botschaft: Putin wird uns angreifen. Es ist ein Kampf Gut gegen Böse. Propaganda nach Lehrbuch. Und mit der Propaganda hat sich auch wieder Kriegsvokabular etabliert. Wir leben nicht etwa im Frieden, nein, wir leben in der Vorkriegszeit. Und wer auf Verhandlungen pocht, ist ein Lumpenpazifist oder, wie es die Zeit formuliert: Die Tauben flattern nach rechts. Frieden ist pfui. Und um die Jungen zu erreichen, die dann freudig in den Tod ziehen sollen, haben PR-Agenturen den coolen Militarismus erfunden. Woke und wehrhaft sollen wir sein. Querfeldein marschieren, sogar Leichensäcke werden hip. Die heißen jetzt Bodybags. Mein Gast hat unzählige Beispiele für den neuen Kriegssound gesammelt und analysiert, weil es nie so wichtig war, tödliche Propaganda zu entlarven. Jetzt in Punkt Preradovic. Hallo, Dr. Leo Ensel. Schön, Sie wiederzusehen.
Dr. Leo Ensel: Hallo, Frau Preradovic.
Milena Preradovic: Ich stelle Sie kurz vor. Sie sind Konfliktforscher, Autor und interkultureller Trainer mit Fokus Osteuropa und postsowjetischer Raum. Sie haben Pädagogik studiert und sich in den 1980er-Jahren stark in der Friedensbewegung engagiert. Sie haben als Autor viel zu den Forschungsfeldern Angst und atomare Aufrüstung sowie Sozialpsychologie der Wiedervereinigung veröffentlicht und Studien über Deutschlandbilder im postsowjetischen Raum erstellt. Darüber haben Sie auch eines Ihrer Bücher geschrieben. Im neuen West-Ost-Konflikt gilt Ihr Hauptanliegen der Überwindung falscher Narrative, der Deeskalation und der Rekonstruktion des Vertrauens. Dazu haben Sie seit Anfang März 2014 rund 250 Essays geschrieben. Sie haben den postsowjetischen Raum intensiv bereist und dort seit Mitte der 90er-Jahre interkulturelle Trainings unter anderem bei lokalen Goethe-Instituten geleitet. Sie sind Mitglied im Deutsch-Russischen Forum, haben zweimal Michail Gorbatschow getroffen, schreiben unter anderem für die NachDenkSeiten, und jetzt haben Sie das „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ veröffentlicht. Untertitel: „Krieg heißt töten.“ Früher hieß es ja verteidigungsfähig, heute sollen wir kriegstüchtig sein. Heute titeln ehemals friedliebende Magazine wie die Zeit: „Wer töten will, muss sterben können.“ Es gibt Forderungen, Moskau dem Boden gleichzumachen. Wann hat das angefangen mit dieser Kriegsrhetorik?
Dr. Leo Ensel: Wann das angefangen hat, kann ich Ihnen auch nicht genau sagen. Ich kann nur sagen, wann ich wach geworden bin. Das war allerspätestens, als unser Verteidigungsminister dieses Wörtchen „kriegstüchtig“ in den Mund genommen hat. Und ich muss sagen, das hat mir erst einmal nicht nur wochen-, sondern monatelang die Sprache verschlagen. Ich dachte zuerst, dazu muss ich etwas schreiben. Und die Auseinandersetzung, die dafür nötig war, hat zunächst in mir so viel Würgereiz ausgelöst, dass ich nicht in der Lage war, darüber etwas zu schreiben. Es hat Monate gedauert. Dann ging es. Und wenn Sie so wollen, ist mein „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ nun meine verbale Rache.
Milena Preradovic: Mir ist das auch schon in der Corona-Zeit aufgefallen. Da wurde die Sprache ja schon militarisiert. Da ging es um den Krieg gegen das Virus, was ja eigentlich wenig Sinn ergibt. Da wurden ja auch schon hohe Militärs in die Verantwortung geholt. Und auch im Koalitionsvertrag von 2021 standen schon große Waffenkäufe, also Aufrüstung, drin. Das kommt mir vor, als ob das alles schon länger läuft. Wie hat sich denn die Sprache in Sachen Krieg und Frieden in Deutschland verändert? Was ist dieser neue Sound, von dem Sie schreiben?
Dr. Leo Ensel: Es gibt den alten Sound, der ein bisschen modernisiert wird. Und es gibt den neuen Sound. Ich fange vielleicht einmal mit dem alten Sound an. Zu jedem Kriegs-Ertüchtigungssound gehört es natürlich, dass man Kampfbereitschaft suggeriert. Da fallen dann solche Wörter wie Kampfkraft, gnadenlos. Die NATO sei kein defensives Verteidigungsbündnis, hören wir jetzt plötzlich aus offiziellem Munde. Der Chef der christdemokratischen Fraktion im Europaparlament sagt, man sollte mal die Moskauer U-Bahn für einen Tag stilllegen. Begründung: Der Gegner macht das auch. Einfach so, weit in die Tiefe des russischen Raumes. Das kennen wir, glaube ich, noch vom letzten und vom vorletzten Mal.
Und dann, Sie haben es mir schon aus dem Mund genommen: „Wer töten will, muss sterben können.“ Eine Überschrift über einen Essay. Das stammt nicht aus dem Völkischen Beobachter vom August 1943, auch nicht vom Landser, sagen wir mal Herbst 1957, sondern aus der Zeit. Man muss sich das vorstellen: Die Zeit, das ehemalige Flaggschiff der Entspannungspolitik, veröffentlicht einen Text mit der Überschrift: „Wer töten will, muss sterben können.“ So weit haben wir es schon gebracht. Das ist nicht irgendwo erschienen, sondern in der Zeit.
Das sind also Klassiker. Zum klassischen Kriegs-Ertüchtigungsjargon gehört natürlich auch, dass man den Gegner abqualifiziert. Ziel jeglicher Propaganda, jeglicher verbalen Propaganda ist es, den Gegner zu entmenschlichen. Entsprechend ist der Chef im Kreml eine Bestie. Klassiker natürlich: neuer Hitler, zweiter Hitler. Das hören wir immer dann, wenn der Westen einen Krieg vorbereitet. Es fing an mit Herrn Milošević im Frühjahr 1998. Später war es dann Saddam Hussein. Jetzt ist es der Herr im Kreml. Er ist ein Hurensohn, ein dummer Hurensohn, „stupid son of a bitch“. Das ist eine Formulierung von Herrn Biden. Russen sind, Sie wissen das vielleicht auch, keine Europäer, hat eine Dame in einer Talkshow gesagt, die als Expertin gehandelt wird. Er ist eine ruchlose Persönlichkeit. Er ist der schwerste Kriegsverbrecher unserer Zeit, sagt unser Bundeskanzler und fügte aber schamhaft noch ein „vielleicht“ an – aus welchen Gründen auch immer. Also das sind Klassiker.
Milena Preradovic: Ich meine, für Uschi von der Leyen ist er ein Raubtier.
Dr. Leo Ensel: Genau. Ganz genau. Da könnte ich jetzt über Putin eine ganze Menge an klassischen Attributen aufführen.
Milena Preradovic: Ganz kurz dazwischen gefragt: Wir sind ja alle mit diesen Vokabeln der Nazis aufgewachsen. Also wir haben das im Schulunterricht alle durchgenommen, durchgehechelt im Grunde, mit dieser Entmenschlichung, für die die Nazis ja berühmt und berüchtigt waren. Wieso machen wir das jetzt selber? Müssten wir nicht schlauer sein? Wieso fallen wir überhaupt darauf rein? Oder viele?
Dr. Leo Ensel: Warum unsere Medien das machen, ist relativ klar. Die Medien blasen zur Kriegstüchtigkeit, um das einmal vorsichtig zu formulieren. Warum sie das tun, darüber könnten wir jetzt lange diskutieren. Die Hauptfrage ist, glaube ich: Warum lassen wir uns das bieten? Und das Schlimme ist, dass es natürlich, ob man will oder nicht, erstens einen Gewöhnungseffekt gibt. Ich merke das an mir ja auch. Diesen Schock, den das Wort „kriegstüchtig“ anfangs in mir ausgelöst hat, habe ich jetzt nicht mehr. Ob mir das passt oder nicht.
Dann haben Worte auch die Tendenz, genauer gesagt die Benutzer der Worte, die Tendenz zu einer Radikalisierung. Ich kann das mal an dem berühmten Wort – jetzt kommt ein freudscher Vergesser – von Herrn Olaf Scholz zwei Tage nach Kriegsbeginn zeigen. Was war das noch?
Milena Preradovic: Zeitenwende.
Dr. Leo Ensel: Genau. Das sollen die Psychoanalytiker klären, warum mir das gerade nicht eingefallen ist. Dieses Wort „Zeitenwende“ wurde zwei Monate später schon von unserem Bundespräsidenten Steinmeier zum „Epochenbruch“ radikalisiert. Wenn wir diese beiden Wörter vergleichen: Eine Wende könnte sich ja theoretisch noch einmal wenden. Zweimal 180 Grad sind laut unserer ehemaligen Außenministerin 360 Grad. Das heißt, das könnte sich irgendwie noch einmal hinbiegen. Aber ein Bruch: Da ist plötzlich ein Abgrund zwischen der Epoche vorher – das soll uns suggeriert werden – und der jetzigen Epoche. Da kann man schon sehen, wie diese Begriffe radikalisiert werden.
Milena Preradovic: Sie haben ja gesagt, eine der wichtigsten Fragen ist, warum wir uns das bieten lassen. Ich finde, es gibt noch eine andere wichtige Frage: Von wem oder was geht das aus? Ist das dieser Cognitive Warfare, also der Kampf um die Köpfe der Menschen, den die NATO vor einigen Jahren ausgerufen hat? Gibt es das in anderen Ländern auch?
Dr. Leo Ensel: Da fehlt mir ehrlich gesagt der Überblick, ob es ähnliche Tendenzen in anderen Ländern auch gibt. Ich weiß auch nicht, ob es Thinktanks gibt, die sich solche Worte überlegen. Das halte ich zumindest nicht für ausgeschlossen.
Milena Preradovic: Das halte ich für relativ wahrscheinlich. Spätestens seit Corona.
Dr. Leo Ensel: Ich unterschätze aber auch nicht die Kreativität unserer Journalisten und Politiker. Ich glaube, auf vieles kommen die auch selber. Es läuft auf psychologische Aufrüstung hinaus. Ob intendiert oder nicht: De facto befinden wir uns genau in diesem sechsten offiziellen Kriegsschauplatz der NATO. Seit vier Jahren ist ja, glaube ich, Cognitive Warfare zum sechsten Kriegsschauplatz erklärt worden. Und dazu gehört natürlich das Wording, vollkommen klar.
Aber bezogen auf das Wording ist das nichts Neues. „Jeder Schuss ein Russ“ gab es schon im Ersten Weltkrieg. Heute läuft das ein bisschen moderner. Und wie ich vielleicht nachher noch ausführen werde: Es gibt neben den klassischen Methoden eben auch ganz neue Methoden. Die sind wirklich neu.
Milena Preradovic: Da kommen wir gleich zu. Aber ich frage mich: Wozu dient das alles? Also Kampf Gut gegen Böse, der aggressive Feind im Osten, in der Ukraine werden unsere Demokratie und unsere Freiheit verteidigt. Da werden Ideologien und Parolen produziert, wie immer in der Geschichte eigentlich. Was soll uns eigentlich in Wirklichkeit verkauft werden?
Dr. Leo Ensel: In Wirklichkeit soll uns verkauft werden: Der Feind ist über alle Maßen böse. Wir sind unschuldig.
Milena Preradovic: Was steckt dahinter? Was ist der wahre Text der Geschichte? Ich meine, es wird den Leuten ja klar sein, die das formulieren. Putin wird uns bis 2030 auf jeden Fall angreifen. Das wird ja nie richtig begründet. Warum sollte er das tun?
Dr. Leo Ensel: Überhaupt nicht. Es wird überhaupt nicht begründet. Das Ziel ist, uns kriegstüchtig zu machen, uns mental umzuprogrammieren. Dafür gibt es eben auch die entsprechenden Worte. Ich muss mal schauen, ich habe mir einen Spickzettel gemacht. Es sind mittlerweile 800 Wörter, die ich gesammelt habe. Also ich verliere allmählich selber den Überblick.
Es wird ein Mentalitätswechsel eingefordert. Hier habe ich eine Gedankenwende. Oder man spricht ungeniert von kultureller Umprogrammierung. Das Ganze seien Spurenelemente einer kulturellen Umprogrammierung. Denn schließlich hatten wir eigentlich einmal nach 1945 gelernt, dass es niemals wieder Krieg geben darf. Das habe ich auch in meiner DNA. Und jetzt kommt ein ehemaliger Außenminister der Partei der Grünen und sagt, diese DNA solle umgeschrieben werden.
Milena Preradovic: Joschka Fischer.
Dr. Leo Ensel: Ganz genau.
Milena Preradovic: Das ist verrückt.
Dr. Leo Ensel: Das ist in der Tat verrückt.
Milena Preradovic: Jetzt kommen wir zu dem, was Sie noch erzählen wollten. Die PR-Strategen haben sich ja jede Menge ausgedacht, um junge Menschen für den Krieg zu begeistern. Also ein neues Wording. Wie sieht denn die Sprache der Kriegstüchtigkeit für die aus, die im Zweifel in den Kampf müssen?
Dr. Leo Ensel: Die sieht absolut mega aus. Mega geil. „Geil“ hat übrigens unser Kriegstüchtigungsminister selbst in den Mund genommen. Es wäre geil, Anerkennung zu haben, aber sie würde nicht ewig dauern. Dieser weise Satz im Jugendjargon formuliert. Ich meine, für so einen Kriegsertüchtigungsminister klingt das doch nicht mehr preußisch. Das klingt völlig anders. Da könnte die Grüne Jugend vielleicht auch noch in den Krieg ziehen, wenn es gegen den richtigen Gegner geht.
Milena Preradovic: Ja, und „woke und wehrhaft“.
Dr. Leo Ensel: Und wehrhaft.
Milena Preradovic: Das hat Carlo Masala erfunden, der Experte, der in allen Talkshows sitzt, von der Bundeswehr-Uni München, glaube ich.
Dr. Leo Ensel: Ganz richtig. Selbst ungedient, meines Wissens. „Woke und wehrhaft“, ganz genau. Ein Trick bei der ganzen Geschichte ist: Man bedient sich an der queeren oder woken Szene. Woke und wehrhaft. Dann sagt man zum Beispiel: Querfeldein marschieren sei einer von 70 verdammt guten Gründen, zur Bundeswehr zu gehen. Das Ganze ist wiederum eine Reklamestrategie der Bundeswehr. Also da wird querfeldein marschiert.
Was noch? Ach so, die Bundeswehr soll in der Gesellschaft ankommen. Sie soll sichtbar werden. Alles Formulierungen aus der woken Szene, die militaristisch gekapert werden. So könnte man das nennen.
Milena Preradovic: Aber ich meine, woke und wehrhaft – sollen die Woken wieder männlich werden und kämpfen? Also ist im Grunde wieder toxische Männlichkeit gefragt. Das beißt sich doch irgendwie.
Dr. Leo Ensel: Ich glaube, auf Logik kommt es da gar nicht so an. Hauptsache, es klingt in einem ganz bestimmten Jargon. Und da dürfen alle mitmachen: sämtliche Geschlechter, nicht nur sämtliche Geschlechter, sondern auch alle Menschen mit Einwanderungsgeschichte, die dann für ihr neues Vaterland kämpfen sollen. Die postmoderne Truppe ist bunt und divers.
Milena Preradovic: Sie sprechen ja auch von einem olivgrünen Sound. Nachhaltigkeit und Ökologie sind im Kriegsjargon angekommen.
Dr. Leo Ensel: Genau.
Milena Preradovic: Wie kann man diese doch relativ gegensätzlichen Positionen jetzt als Traumhochzeit verkaufen? Ich meine, wenn man sich diese grüne Ideologie anschaut, CO₂ sei an allem schuld: Krieg produziert, glaube ich, eine ganze Menge davon.
Dr. Leo Ensel: Wahrscheinlich wird der klimaneutrale Atomkrieg angestrebt, mit Solardächern auf den Kasernen oder Panzern aus doppelt grünem Stahl. Auf Logik kommt es, wie man sieht, nicht an. Es kommt auf die Verpackung an. Und die Partei, die sich jetzt zum Olivgrünen gewendet hat, hat im Grunde vorgemacht, wie schnell das gehen kann. Wie schnell man vom Pazifisten plötzlich zum Kriegsertüchtiger werden kann.
Es gibt auch Stars von damals. Udo Lindenberg, der sich damals im Palast der Republik gegen Raketen in Ost und West ausgesprochen hat, was eine tolle Sache war, sagt jetzt neuerdings, dass unsere Werte verteidigt werden müssen.
Milena Preradovic: Genau. Campino ist, glaube ich, auch so einer. Der Einzige, den ich gehört habe, der sich dagegen ausgesprochen hat, ist der Regisseur Detlev Buck.
Dr. Leo Ensel: Und Konstantin Wecker. Das sind nach wie vor veraltete Pazifisten.
Milena Preradovic: Okay. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Was ja auch in diesem neuen Kriegsjargon stattfindet: Waffen werden positiv geframt. Drohnen sind Gamechanger. Das hört sich super an. Und ich habe auch den Eindruck, dass Waffen gerne verniedlicht werden, oder?
Dr. Leo Ensel: Ja. My favorite toy. Schon mal davon gehört?
Milena Preradovic: Erzählen Sie.
Dr. Leo Ensel: Eine gewisse Dame hat vor ein paar Jahren auf X einen Post gemacht, der hieß: „My favourite toy.“ Nach einem langen Abend räkelt sich diese Dame mit ihrem „favourite toy“ und glasigen Augen auf ihrem Bett und veröffentlicht dazu auch noch ein Foto. Ihr „favourite toy“ ist ein Plüschleopard. Das war die Botschafterin Deutschlands in der Ukraine – im Vorfeld der damaligen Diskussion, ob man Leopardpanzer in die Ukraine liefern sollte.
Milena Preradovic: Wahnsinn.
Dr. Leo Ensel: „My favourite toy.“ Honi soit qui mal y pense.
Milena Preradovic: Ja, genau. Aber das ist schon sehr zynisch. Ich meine, „Readiness 2030“ klingt ja auch eher nach Festival als danach, dass wir 2030 bereit sein müssen. Ich habe aber den Eindruck, bei manchen Jungen wirkt das auch. Zum Beispiel hat der SPD-affine Ex-Oberschulsprecher Dario Schramm die AfD-Politiker, die zum Wirtschaftsforum nach Sankt Petersburg fahren wollen, Vaterlandsverräter genannt. Das ist eigentlich ein Wort aus der militärischen und nationalistischen Mottenkiste. Und ich tippe mal, in den 80er-Jahren wäre SPD-Dario vielleicht sogar auf Friedensdemos marschiert. Das ist vorbei, oder?
Dr. Leo Ensel: Ich kenne ihn jetzt nicht persönlich, aber Vaterlandsverräter ist natürlich ein klassisches Wort aus der rechten Ecke. Vielleicht wollte er der AfD sozusagen mit ihren eigenen Mitteln zurückzahlen. Aber ob dieser Jargon bei den Jugendlichen, bei den jungen Menschen wirklich verfängt, darüber wage ich noch keine Aussage zu treffen, weil mir da einfach die Informationen fehlen.
Milena Preradovic: Ich habe den Eindruck.
Dr. Leo Ensel: Auf jeden Fall fehlen die großen Demos wie in den 80ern. Da gingen die jungen Menschen ja auf die Straße. Die fehlen jetzt der Friedensbewegung.
Dr. Leo Ensel: Ja. Wobei man natürlich noch einmal genauer sagen müsste, an wen man denkt, wenn man von jungen Menschen spricht. Ich bin 72. Das heißt, da gibt es schon eine Menge Generationen hinter mir, die alle jünger sind als ich. Ich habe den Eindruck, dass die ganz jungen Menschen, Jahrgänge 2008 und jünger, allmählich anfangen aufzuwachen, was mich sehr freut. Diesen Menschen habe ich mein Büchlein übrigens auch gewidmet.
Diese Menschen haben das traurige Glück, vom Staat, von unserer Regierung mit der Nase darauf gestoßen zu werden, sich mit diesem Thema beschäftigen zu müssen. Denn sie bekommen jetzt schon, wenn sie Männer sind, Fragebögen, ob sie als Soldat zur Verfügung stehen, ob sie dazu in der Lage wären. Und ab Mitte nächsten Jahres werden alle Männer gemustert. Das heißt, sie werden von unserem Staat mit der Tatsache konfrontiert, dass sie potenzielle Soldaten sind.
Vor dem Hintergrund, dass ein Krieg mittlerweile schon fast herbeigeredet wird, brauchen sie nur eins und eins zusammenzuzählen. Und das machen sie auch. Sie sind das Kanonenfutter von morgen. Und sie fangen an, sich zu wehren. Wenn man zusammenrechnet, wie viele Personen bei den Schulstreiks gegen die Wehrpflicht jeweils mitgemacht haben – wir hatten bisher, wenn ich richtig rechne, zwei oder drei Kundgebungen –, dann waren das jeweils um die 50.000 Demonstranten bundesweit.
Das ist ungefähr so viel, wie die größte Friedensdemo der letzten drei Jahre in Berlin überhaupt auf die Beine gestellt hat. Da kommt also etwas nach, und die werden natürlich auch eine Menge lernen müssen. Sie werden lernen, dass es gute Demos gibt, bei denen die Klassenlehrerin vielleicht noch mitgeht, wenn es fürs Klima ist. Oder Demos, bei denen auch der Rektor noch mitgeht, wenn es gegen rechts geht. Sie können gerne auch auf Christopher Street Days gehen. Aber Ärger gibt es, wenn man gegen die Wehrpflicht demonstriert.
Ich habe selber auf der letzten Demo hier bei mir in Oldenburg gefragt, was die Schüler für Erfahrungen gemacht haben. Die waren unterschiedlich. Es war nicht an allen Schulen gleich. Aber es gab Schulen, die ausgerechnet auf diesen Tag Klassenarbeiten gelegt haben. Reiner Zufall natürlich.
Milena Preradovic: Noch einmal zurück zum Wording. Es gab ja immer eine ganz klare Grenze zwischen Frieden und Krieg. Und die wird jetzt auch aufgeweicht. Wir sind jetzt in der Vorkriegszeit, im hybriden Krieg. Dann tauchen plötzlich Drohnen auf, und das ist für zwei Wochen die Schlagzeile. Danach hört man nie wieder etwas von Drohnen an irgendwelchen Flughäfen. Und dazwischen heißt es immer: Das ist der hybride Krieg, den Putin uns aufzwingen will.
Dr. Leo Ensel: Ja. Ich habe mich in den letzten Wochen einmal hingesetzt und etwas für mich gemacht, was ich in meinem Buch noch nicht gemacht habe. Ich habe versucht, diese 800 Wörter, die ich mittlerweile gesichtet habe, in Kategorien zu fassen. Da gibt es eine größere Kategorie, die ich die sogenannte Grauzone zwischen Krieg und Frieden genannt habe. Das sind alles Wörter und Formulierungen, die suggerieren sollen, dass wir im richtigen Frieden schon gar nicht mehr sind.
Das sind dann zum Beispiel Begriffe wie „hybrid“. Wir leben in einem „eisigen Frieden“, sagt der neue Chef des Bundesnachrichtendienstes. Gleichzeitig sagt er übrigens: Auf Logik kommt es da nicht an. Wir stehen jetzt schon „im Feuer“. Eis und heiß wie das berühmte Dessert im Restaurant. Dann gibt es die „Grauzone zwischen Krieg und Frieden“. „Heute Abend noch könnte es losgehen.“ Ein Militärhistoriker sprach schon im letzten Jahr vom „letzten Friedenssommer“. Wir befinden uns „irgendwo dazwischen“. Und unser Generalinspekteur hat sich als verhinderter Poet erwiesen. Der spricht jetzt von einer „dämmrigen Übergangszeit“, in der wir uns gerade bewegen.
Sinn all dieser Formulierungen ist es, wie Sie eben schon gesagt haben, die klare Grenze zwischen Frieden und Krieg aufzuweichen und uns zu suggerieren, dass wir im echten Frieden schon gar nicht mehr sind. Umso leichter wird dann der Übergang geschafft – in dieser dämmrigen Übergangszeit vom Nicht-mehr-Frieden über Noch-nicht-Krieg zum richtigen Krieg. Wir werden verbal schon in diese Übergangszeit hinein katapultiert, damit der Übergang später zum richtigen Krieg umso leichter fällt.
Milena Preradovic: Und ich meine, wer heute für Frieden trommelt, Leute wie Sie und Leute wie ich, die stehen ja nicht mehr auf der richtigen Seite. Die werden ja auch schon als rechts geframt. Auch in der Zeit, die wir vorhin schon einmal hatten, hieß es: „Die Tauben flattern nach rechts.“ Und es gibt natürlich auch schon eigene Wortschöpfungen für uns: Lumpenpazifisten zum Beispiel.
Dr. Leo Ensel: Klassiker von Sascha Lobo.
Milena Preradovic: Sascha Lobo, genau, der Staats-Irokese. Fallen Ihnen da noch welche ein?
Dr. Leo Ensel: Ja, da gibt es noch einige. Moment mal, jetzt muss ich gerade schauen, weil ich schon wieder einiges verdrängt habe. Aber Sie haben vollkommen recht. Es gehört natürlich immer dazu, nicht nur den Gegner zu verteufeln, sondern auch die Spielverderber im eigenen Land, die eben nicht auf Linie sind. Wir sind ja dann die fünfte Kolonne. Wir müssen natürlich auch entsprechend verbal abqualifiziert werden.
Milena Preradovic: Genau. Fünfte Kolonne. „Putin-Nutte“ habe ich auch schon mal gelesen.
Dr. Leo Ensel: Das habe ich noch nicht in meiner Schmetterlingssammlung. Was ich besonders liebe, ist der „fleischgewordene Hitler-Stalin-Pakt“. Haben Sie davon schon einmal gehört?
Milena Preradovic: Nee.
Dr. Leo Ensel: Ein etwas komplizierter Ausdruck für Sahra Wagenknecht. Von einem CSU-Mann.
Milena Preradovic: Okay. Den hat er wahrscheinlich …
Dr. Leo Ensel: … den Hitler-Stalin-Pakt. „Der fleischgewordene Hitler-Stalin-Pakt.“ Sorry, das war ein bisschen unterkomplex. Dann gibt es den „Breitbandpazifismus“. Das Wort stammt von dem Mann, der die Friedenstauben nach rechts flattern sieht. Was auch immer das bedeuten mag. Ich muss dabei immer an Breitbandantibiotikum denken. Es klingt strange – und das soll es auch.
Oder „oldschool“. Der Deutschlandfunk Kultur veröffentlicht einen kleinen Bericht über die Schulstreiks gegen die Wehrpflicht. Da stehen doch tatsächlich ganz junge Leute mit einem Plakat, auf dem steht: „Frieden schaffen ohne Waffen.“ Und das wird als „oldschool“ bezeichnet. Man fragt sich, was wohl modern wäre. Wahrscheinlich: Frieden schaffen mit Waffen – in dieser Logik.
Milena Preradovic: Es ist schon unglaublich, was das in vielen Köpfen bewirkt hat. Frieden ist pfui und feige. Genauso wie Entspannung und Verhandlungen. Das waren früher die Oberbegriffe der Bundesrepublik. Man wollte immer verhandeln, man wollte Diplomatie.
Dr. Leo Ensel: Ein Synonym für Einknicken.
Milena Preradovic: Genau. Ein Synonym für Einknicken. Wahnsinn. Wer heute noch einen Waffenstillstand verlangt … Ich glaube, es war die dänische Ministerpräsidentin Frederiksen, die gesagt hat, ein Waffenstillstand in der Ukraine wäre schlimmer als der Krieg in der Ukraine oder so ähnlich.
Dr. Leo Ensel: Ja, oder Frieden. Ich weiß es nicht mehr genau.
Milena Preradovic: Dafür, dass es nicht nur bei uns so ist: Ich glaube, auch in Belgien gibt es Stimmen, die Moskau dem Erdboden gleichmachen wollen. Ich glaube also nicht, dass ich ganz falsch liege, wenn ich sage, dass das in vielen NATO-Ländern so läuft.
Dr. Leo Ensel: Bösartig formuliert: Je kleiner der Staat, desto größer die Klappe. Wenn schon der belgische Verteidigungsminister Moskau dem Erdboden gleichmachen will, dann ist da noch ein baltischer Politiker – bitte legen Sie mich jetzt nicht auf das Land fest –, der vor Kurzem sinngemäß gesagt hat: Kaliningrad nehmen wir doch locker ein.
Milena Preradovic: Das ist ja unglaublich.
Dr. Leo Ensel: Es ist ein Sound, der einen wirklich erst einmal sprachlos macht. Und ich persönlich – das werden Sie sicher gemerkt haben, wenn Sie mein Büchlein durchgeblättert haben – kann damit nur sarkastisch umgehen. Anders kann man dieses würgereizerzeugende Vokabular weder selbst ertragen noch den Leserinnen und Lesern zumuten. Es geht nur so.
Milena Preradovic: Das kann ich sehr gut verstehen. Da stehen ja auch Dinge drin wie die geforderte Opferbereitschaft der Eltern. Von den Eltern wird jetzt verlangt, dass sie ihre Kinder hergeben.
Dr. Leo Ensel: Für das Gemeinwesen. Nicht mehr fürs Vaterland. Das ist das neue Wording.
Milena Preradovic: Für das Gemeinwesen. Aber ich vermisse so ein bisschen den Aufschrei – nicht nur der Eltern, aber auch der Eltern.
Dr. Leo Ensel: Ich vermisse den Aufschrei schon ganz lange. Anfang der 90er-Jahre waren wir in einer traumhaft schönen Situation. Wenn Sie an die Charta von Paris zurückdenken: Dort steht der Satz „Sicherheit ist unteilbar.“ Sicherheit eines Landes kann niemals auf Kosten der Sicherheit eines anderen Landes errungen werden. Wenn wir dabei geblieben wären, hätten wir diese ganzen Probleme nicht.
Milena Preradovic: Der Westfälische Frieden.
Dr. Leo Ensel: Genau. Der Westfälische Frieden enthält unter anderem das Verbot, sich in die Angelegenheiten eines anderen Staates einzumischen. Neudeutsch würde man sagen: Regime Change ist seit dem Westfälischen Frieden verboten.
Milena Preradovic: Aber der Westfälische Frieden ist heute eindeutig oldschool.
Dr. Leo Ensel: Ja, so würden das viele heute nennen.
Sie haben eben ein wichtiges Thema angesprochen. Ich sehe eine große Lethargie, eine Apathie. Dabei sind all diese Entwicklungen Resultate menschlicher Entscheidungen – und können deshalb auch von Menschen wieder revidiert werden.
Wir müssen uns klar machen: Es machen sich nicht nur diejenigen schuldig, die das Ganze betreiben, sondern auch diejenigen, die es widerstandslos geschehen lassen.
Wir hatten vor 40 Jahren eine große Friedensbewegung. Im Moment ist davon kaum etwas übrig. Ich merke das auch an mir. Sie haben es ja in Ihrer Ankündigung gesagt: Ich bin ein Kind der westdeutschen Friedensbewegung der 80er-Jahre. Ich fühle mich heute sehr einsam.
Damals war die Situation völlig anders. Die meisten Menschen hatten in ihrer DNA den Satz: Krieg darf es nie wieder geben. Das war das Undenkbare. Und allen war klar: Der nächste Krieg in Mitteleuropa wäre der letzte.
Auch heute wird uns suggeriert: Sollte dieser Krieg – was leider nicht ausgeschlossen ist – tatsächlich auf Mitteleuropa übergreifen und NATO-Staaten direkt involvieren, dann würde er ähnlich verlaufen wie der Krieg in der Ukraine. Das halte ich für einen gefährlichen Irrtum. Wenn ein Land wie Russland sich an die Wand gedrängt fühlt, dann wird es der Welt zeigen, dass es eine Atommacht ist.
Putin gerät im Übrigen inzwischen auch im eigenen Land unter Druck, weil Hardliner ihm öffentlich – im Fernsehen – vorwerfen, er sei zu nachgiebig.
Milena Preradovic: Das dürfen die im Fernsehen bloß nicht zeigen, damit unsere Bundesregierung das nicht sieht.
Dr. Leo Ensel: Es ist eine hochgefährliche Situation. Und es wird endgültig Zeit, dass der Westen die Diplomatiemaschine anwirft. Bis auf zwei Ausnahmen – der damalige Ministerpräsident Ungarns und Donald Trump – hat es kaum ernsthafte diplomatische Initiativen gegeben.
Ohne Diplomatie sind wir mittelfristig verloren. Davon bin ich fest überzeugt.
Und wir brauchen eine Öffentlichkeit, die auf Diplomatie besteht. Die unsere Politiker so unter Druck setzt, dass sie endlich ernst gemeinte Diplomatie betreiben. Anders kommen wir aus dieser Situation nicht heraus.
Milena Preradovic: Es ist ja auch verrückt, dass ausgerechnet Europa auf Krieg statt auf Diplomatie setzt. Denn in allen Planspielen – sowohl der NATO als auch Russlands – geht es letztlich um die Zerstörung Europas. Wir befeuern unseren eigenen Untergang. Das ist verrückt.
Dr. Leo Ensel: Die Europäische Union wurde ursprünglich als Friedensprojekt gegründet – und nach innen hat das lange Zeit auch hervorragend funktioniert. Nach außen jedoch erweist sie sich heute als wahre Kriegsfurie. Das muss man leider so deutlich sagen.
Milena Preradovic: Ja. Und diese verbale europäische Eskalation kommt ja auch in Russland an. Jetzt hat der einflussreiche russische Politikwissenschaftler Sergej Karaganow, der ja auch schon Jelzin und Putin beraten hat, gesagt, er befürworte inzwischen präventive russische Atomschläge gegen ein Europa, das er als kriegerisch ansieht. Da quatschen wir uns fast in einen Krieg hinein.
Dr. Leo Ensel: Man sieht daran sehr schön: Die andere Seite ist ebenfalls nicht um entsprechende Worte verlegen. Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: präventive nukleare Vergeltungsschläge. Das heißt, der Gegner – in diesem Fall wir – wird nicht dafür bestraft, was er getan hat, sondern für das, was er tun könnte. Grammatikalisch gesagt: Der Konjunktiv besiegt den Indikativ.
Milena Preradovic: Ja, auch da ist Logik jetzt nicht unbedingt erste Wahl.
Dr. Leo Ensel: Zu Karaganow vielleicht noch ganz kurz: Er war einmal ein überzeugter Europäer. Inzwischen hat sich bei ihm offenbar ein interner Epochenbruch vollzogen. Er ist zu einem der militantesten und einflussreichsten Politikberater Russlands geworden.
Milena Preradovic: Das ist enttäuschte Liebe. In gewisser Weise trifft das ja auch auf Putin zu.
Dr. Leo Ensel: Der sich erheblich moderater verhält und sich längst nicht so emotional herausfordern lässt.
Milena Preradovic: Dafür hat er Medwedew.
Dr. Leo Ensel: Dafür macht das Medwedew, genau.
Milena Preradovic: Noch einmal zurück zu den Deutschen. Man hat hier auch den Eindruck – ich jedenfalls –, dass die Deutschen nicht nur auf Krieg, sondern auch auf Armut vorbereitet werden sollen. So hat zum Beispiel Moritz Schularick, der Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft, gesagt: „Mittelfristig wird kein Weg daran vorbeiführen, harte Budgetentscheidungen zwischen Kanonen und Butter zu treffen.“
Dr. Leo Ensel: Kennt man irgendwie. Das habe ich schon einmal gehört. Das stammt von Göring, diese Alternative.
Milena Preradovic: Ach ja? Das wusste ich nicht.
Dr. Leo Ensel: Ja, ja. Das kommt plötzlich wieder hoch. Man könnte fast ein kollektives Unbewusstes postulieren.
Milena Preradovic: Haben Sie noch Hoffnung?
Dr. Leo Ensel: Wir sind zur Hoffnung verdammt. Oder, um es mit meinem Leib- und Magenphilosophen Günther Anders zu sagen: Er war derjenige, der sich als Erster mit der Tatsache beschäftigt hat, dass die Menschen seit der Entwicklung von Atomwaffen über Weltuntergangsgeräte verfügen. Er hat das einmal so formuliert:
„Wenn ich verzweifelt bin – was geht’s mich an? Machen wir weiter, als wären wir es nicht.“
Milena Preradovic: Ein wunderbares Schlusswort. Aufgeben gilt sowieso nicht. Und Galgenhumor kann Leben retten. Das ist tatsächlich von mir, und ich lebe danach. Deswegen muss ich auch in solchen Interviews viel lachen, weil anders ist das alles eigentlich schwer zu ertragen.
Vielen Dank, Dr. Ensel, für das wichtigste Jugendbuch des Jahres – und auch für Erwachsene sehr zu empfehlen.
Dr. Leo Ensel: Danke für die Einladung. Vielleicht noch ein kleiner Satz in eigener Sache: Ich würde mir sehr wünschen, dass Großeltern dieses Büchlein ihren bald wehrpflichtigen Enkeln schenken.
Milena Preradovic: Genau. Diesem Appell schließe ich mich an. Danke, dass Sie da waren.
Dr. Leo Ensel: Danke für die Einladung.
Milena Preradovic: Tja, Leute, schon verrückt, was da passiert. Und wie es scheint, sind die Bürger nicht wirklich reifer als die der letzten großen Weltkriege. Bis auf wenige – wir haben es ja gerade besprochen – nehmen alle alles hin. Und dann kommt das große „Huch, wie verrückt“.
Viele glauben, wir könnten das Klima bekämpfen, aber nicht die eigene Politik. Die Logik ist wirklich dahin. Und wir wissen doch aus der Corona-Zeit: Widerstand macht immer Sinn.
Ich wünsche euch eine gute Zeit. Bis bald.
Interview with Dr. Leo Ensel (english)
Milena Preradovic: “Never again war” is a thing of the past. Today, we must be prepared for war. The overarching message: Putin is going to attack us. It’s a battle between good and evil. Textbook propaganda. And along with the propaganda, wartime rhetoric has reemerged. We’re not living in peace—no, we’re living in the pre-war era. And anyone who insists on negotiations is a rag-tag pacifist or, as *Die Zeit* puts it: “The doves are fluttering to the right.” Peace is taboo. And to reach the young people who are then supposed to march joyfully to their deaths, PR agencies have invented “cool militarism.” We’re supposed to be “woke” and “ready for battle.” Marching cross-country—even body bags are becoming hip. They’re now called “body bags.” My guest has collected and analyzed countless examples of the new “sound of war,” because it’s never been more important to expose deadly propaganda. Now on “Punkt Preradovic.” Hello, Dr. Leo Ensel. It’s nice to see you again.
Dr. Leo Ensel: Hello, Ms. Preradovic.
Milena Preradovic: Let me briefly introduce you. You’re a conflict researcher, author, and intercultural trainer specializing in Eastern Europe and the post-Soviet space. You studied education and were deeply involved in the peace movement in the 1980s. As an author, you have published extensively on the research fields of fear and nuclear armament, as well as the social psychology of reunification, and have conducted studies on perceptions of Germany in the post-Soviet space. You’ve also written one of your books on this topic. In the new East-West conflict, your main concern is overcoming false narratives, de-escalation, and rebuilding trust. To this end, you have written around 250 essays since early March 2014. You have traveled extensively throughout the post-Soviet space and have led intercultural training programs there since the mid-1990s, including at local Goethe-Institutes. You are a member of the German-Russian Forum, have met Mikhail Gorbachev twice, write for NachDenkSeiten and other publications, and have now published the *Dictionary of War Readiness*. Subtitle: “War Means Killing.” In the past, the goal was to be capable of defense; today, we are expected to be ready for war. Today, formerly peace-loving magazines like *Die Zeit* run headlines such as: “Those who want to kill must be able to die.” There are calls to raze Moscow to the ground. When did this war rhetoric begin?
Dr. Leo Ensel: I can’t tell you exactly when it started. I can only say when I woke up to it. That was, at the very latest, when our defense minister uttered that little word “war-ready.” And I have to say, at first it left me speechless—not just for weeks, but for months. At first, I thought I had to write something about it. But the mental struggle required to do so initially triggered such a strong gag reflex in me that I wasn’t able to write anything about it. It took months. Then I was able to. And if you will, my “Dictionary of War Readiness” is now my verbal revenge.
Milena Preradovic: I noticed that during the COVID-19 pandemic, too. Language was already being militarized back then. It was all about the “war against the virus,” which actually makes little sense. High-ranking military officials were even called upon to take responsibility. And the 2021 coalition agreement already included major arms purchases—in other words, rearmament. It seems to me as though all of this has been going on for quite some time. How has the language surrounding war and peace changed in Germany? What is this “new sound” you write about?
Dr. Leo Ensel: There’s the old tone, which is being modernized a bit. And there’s the new tone. Perhaps I’ll start with the old tone. Of course, any rhetoric of war preparedness involves suggesting combat readiness. That’s where words like “combat power” and “ruthless” come in. We’re suddenly hearing from official sources that NATO is not a defensive alliance. The leader of the Christian Democratic faction in the European Parliament says we should shut down the Moscow subway for a day. His reasoning: The enemy does it too. Just like that, deep into the heart of Russia. I think we’re still familiar with that from the last time and the time before that.
And then—you’ve already taken the words right out of my mouth—“Whoever wants to kill must be willing to die.” A headline for an essay. This isn’t from the *Völkischer Beobachter* of August 1943, nor from *Landser*—let’s say fall 1957—but from *Die Zeit*. Just imagine: *Die Zeit*, the former flagship of the policy of détente, publishes a text with the headline: “Whoever wants to kill must be willing to die.” ” That’s how far we’ve come. This didn’t appear just anywhere, but in *Die Zeit*.
So these are classic examples. Of course, classic war-preparation jargon also involves denigrating the enemy. The goal of all propaganda—all verbal propaganda—is to dehumanize the enemy. Accordingly, the leader in the Kremlin is a beast. Classic labels, of course: the new Hitler, the second Hitler. We hear this whenever the West is preparing for war. It started with Mr. Milošević in the spring of 1998. Later, it was Saddam Hussein. Now it’s the man in the Kremlin. He’s a son of a bitch, a stupid son of a bitch, “stupid son of a bitch.” That’s a phrase used by Mr. Biden. Russians, as you may also know, aren’t Europeans, said a woman on a talk show who’s treated as an expert. He’s a ruthless figure. He’s the worst war criminal of our time, says our chancellor—though he bashfully added a “maybe” for whatever reason. So those are the classics.
Milena Preradovic: I mean, for Uschi von der Leyen, he’s a predator.
Dr. Leo Ensel: Exactly. Absolutely. I could list a whole bunch of classic attributes about Putin right now.
Milena Preradovic: Just a quick question in between: We all grew up with this Nazi vocabulary. I mean, we all went through it in school—basically, we were drilled on it—with this dehumanization for which the Nazis were, after all, famous and infamous. Why are we doing this ourselves now? Shouldn’t we be smarter than that? Why are we falling for it in the first place? Or are many of us?
Dr. Leo Ensel: Why our media does this is relatively clear. The media is drumming up a war mentality—to put it mildly. We could discuss at length why they do that. The main question, I think, is: Why do we put up with it? And the worst part is that, of course—whether you like it or not—there’s a desensitization effect. I notice that in myself, too. I no longer feel the shock that the word “war-ready” initially triggered in me. Whether I like it or not.
Then there’s also the tendency of words—or, more precisely, the users of those words—toward radicalization. I can illustrate this with the famous word—here comes a Freudian slip—used by Mr. Olaf Scholz two days after the war began. What was it again?
Milena Preradovic: “Turning point.”
Dr. Leo Ensel: Exactly. Let the psychoanalysts figure out why that didn’t occur to me just now. That word “turning point” was radicalized just two months later by our Federal President Steinmeier into an “epochal break.” If we compare these two words: A turning point could, theoretically, turn again. According to our former Secretary of State, two 180-degree turns equal 360 degrees. That means it could somehow bend back again. But a “rupture”: Suddenly there’s an abyss between the previous era—or so we’re led to believe—and the current one. You can already see how these terms are being radicalized.
Milena Preradovic: You said that one of the most important questions is why we put up with this. I think there’s another important question: Who or what is behind this? Is this the “cognitive warfare”—that is, the battle for people’s minds—that NATO declared a few years ago? Does this happen in other countries as well?
Dr. Leo Ensel: To be honest, I don’t have a clear picture of whether similar trends exist in other countries. I also don’t know if there are think tanks coming up with such terms. At the very least, I don’t rule it out.
Milena Preradovic: I think that’s relatively likely. At least since the pandemic.
Dr. Leo Ensel: But I don’t underestimate the creativity of our journalists and politicians either. I think they come up with a lot of this on their own. It amounts to psychological armament. Whether intentional or not: de facto, we find ourselves right in the midst of this sixth official NATO theater of war. For four years now, I believe, cognitive warfare has been declared the sixth theater of war. And of course that includes the wording—that’s perfectly clear.
But in terms of the wording, this is nothing new. “Every shot, a Russian” was already a thing in World War I. Today, it’s a bit more modern. And as I may explain later: In addition to the classic methods, there are also entirely new methods. They’re truly new.
Milena Preradovic: We’ll get to that in a moment. But I wonder: What’s the point of all this? The battle of good against evil, the aggressive enemy in the East—our democracy and freedom are being defended in Ukraine. Ideologies and slogans are being churned out, just as they always have been throughout history. What are they actually trying to sell us?
Dr. Leo Ensel: What they’re really trying to sell us is this: The enemy is evil beyond measure. We are innocent.
Milena Preradovic: What’s behind this? What’s the real story here? I mean, it must be clear to the people who are crafting this narrative. Putin will definitely attack us by 2030. But that’s never really justified. Why would he do that?
Dr. Leo Ensel: Not at all. It’s never justified at all. The goal is to make us war-ready, to mentally reprogram us. There are specific terms for this, too. Let me check—I’ve made myself a cheat sheet. I’ve collected 800 words by now. I’m actually starting to lose track of them myself.
A change in mentality is being demanded. Here I have a “shift in thinking.” Or people speak unabashedly of “cultural reprogramming.” All of this is said to be trace elements of a cultural reprogramming. After all, we had actually learned once, after 1945, that there must never be war again. I have that in my DNA, too. And now a former foreign minister from the Green Party comes along and says that this DNA should be rewritten.
Milena Preradovic: Joschka Fischer.
Dr. Leo Ensel: Exactly.
Milena Preradovic: That’s crazy.
Dr. Leo Ensel: It really is crazy.
Milena Preradovic: Now let’s get to what else you wanted to talk about. The PR strategists have come up with all sorts of things to get young people excited about war. So, new wording. What does the language of combat readiness look like for those who might have to go into battle?
Dr. Leo Ensel: It looks absolutely mega. Mega cool. “Cool,” by the way, is a word our Minister of Combat Readiness himself used. It would be cool to get recognition, but it wouldn’t last forever. That wise statement, phrased in youth slang. I mean, for a Minister of War Readiness like that, it doesn’t sound Prussian anymore. It sounds completely different. Maybe even the Green Youth could go to war if it’s against the right enemy.
Milena Preradovic: Yes, and “woke and ready for battle.”
Dr. Leo Ensel: And ready for battle.
Milena Preradovic: Carlo Masala came up with that—the expert who’s on every talk show, from the Bundeswehr University in Munich, I think.
Dr. Leo Ensel: That’s right. He’s never served himself, as far as I know. “Woke and ready for defense”—exactly. One trick in this whole story is: they borrow from the queer or “woke” scene. “Woke and ready to defend.” Then they say, for example, that marching cross-country is one of 70 damn good reasons to join the Bundeswehr. The whole thing, in turn, is a publicity strategy for the Bundeswehr. So there’s cross-country marching going on.
What else? Oh right, the Bundeswehr is supposed to gain a foothold in society. It’s supposed to become visible. All of these are phrases from the “woke” scene that have been co-opted by the military. You could call it that.
Milena Preradovic: But I mean, “woke and ready for action”—are the “woke” people supposed to become masculine again and fight? So basically, toxic masculinity is in demand again. That’s kind of a contradiction, isn’t it?
Dr. Leo Ensel: I don’t think logic matters all that much here. The main thing is that it sounds like a very specific jargon. And everyone’s allowed to join in: all genders—not just all genders, but also all people with an immigrant background—who are then supposed to fight for their new fatherland. The postmodern force is colorful and diverse.
Milena Preradovic: You also talk about an “olive-green” sound. Sustainability and ecology have made their way into war jargon.
Dr. Leo Ensel: Exactly.
Milena Preradovic: How can these relatively contradictory positions now be sold as a dream wedding? I mean, if you look at this green ideology—that CO₂ is to blame for everything—war, I believe, produces a whole lot of it.
Dr. Leo Ensel: They’re probably aiming for a climate-neutral nuclear war, with solar roofs on the barracks or tanks made of double-green steel. As you can see, logic doesn’t matter. It’s all about the packaging. And the party that has now turned to the olive-green camp has basically shown how quickly that can happen. How quickly one can suddenly go from being a pacifist to a warmonger.
There are also stars from back then. Udo Lindenberg, who spoke out against missiles in both the East and West at the Palace of the Republic back then—which was a great thing—has recently started saying that our values must be defended.
Milena Preradovic: Exactly. I think Campino is another one like that. The only person I’ve heard speak out against it is the director Detlev Buck.
Dr. Leo Ensel: And Konstantin Wecker. They’re still old-school pacifists.
Milena Preradovic: Okay. Hope dies last. Which is also what’s happening in this new war jargon: Weapons are framed in a positive light. Drones are game-changers. That sounds great. And I also get the impression that weapons are often trivialized, right?
Dr. Leo Ensel: Yes. “My favorite toy.” Ever heard of it?
Milena Preradovic: Tell me about it.
Dr. Leo Ensel: A certain lady posted something on X a few years ago that said: “My favorite toy.” After a long evening, this woman is lounging on her bed with her “favorite toy” and glassy eyes, and she even posted a photo of it. Her “favorite toy” is a stuffed leopard. That was Germany’s ambassador to Ukraine—in the run-up to the debate at the time about whether to supply Leopard tanks to Ukraine.
Milena Preradovic: Unbelievable.
Dr. Leo Ensel: “My favorite toy.” Honi soit qui mal y pense.
Milena Preradovic: Yes, exactly. But that’s really quite cynical. I mean, “Readiness 2030” sounds more like a festival than like we need to be ready by 2030. But I get the impression that it works on some young people, too. For example, Dario Schramm, the former high school student council president with ties to the SPD, called the AfD politicians who want to travel to the Economic Forum in St. Petersburg “traitors to the fatherland.” That’s actually a term from the military and nationalist playbook. And I’d guess that back in the ’80s, SPD-Dario might even have marched in peace demonstrations. Those days are over, right?
Dr. Leo Ensel: I don’t know him personally, but “traitor to the fatherland” is, of course, a classic term from the far-right. Maybe he wanted to give the AfD a taste of its own medicine, so to speak. But I don’t dare say yet whether this jargon really resonates with young people, because I simply don’t have enough information on that.
Milena Preradovic: I get that impression.
Dr. Leo Ensel: In any case, we’re missing the big demonstrations like in the ’80s. Back then, young people took to the streets. The peace movement is missing that now.
Dr. Leo Ensel: Yes. Although, of course, we’d have to specify exactly who we’re thinking of when we talk about young people. I’m 72. That means there are already quite a few generations behind me, all of whom are younger than I am. I get the impression that the very young people—those born in 2008 and later—are gradually starting to wake up, which makes me very happy. Incidentally, I’ve dedicated my little book to these people as well.
These young people have the sad “fortune” of being forced by the state, by our government, to grapple with this issue. Because even now, if they’re men, they’re receiving questionnaires asking whether they’re available to serve as soldiers and whether they’d be capable of doing so. And starting in the middle of next year, all men will undergo physical examinations. That means they’re being confronted by our state with the fact that they’re potential soldiers.
Given that a war is now almost being talked into existence, they only need to put two and two together. And that’s exactly what they’re doing. They are tomorrow’s cannon fodder. And they’re starting to fight back. If you add up how many people participated in each of the school strikes against conscription—we’ve had, if I’m counting correctly, two or three rallies so far—there were around 50,000 demonstrators nationwide each time.
That’s about as many as the largest peace rally in Berlin over the past three years managed to draw. So something is on the horizon, and of course they’ll have a lot to learn. They’ll learn that there are “good” demonstrations—ones where the homeroom teacher might even join in if it’s for the climate. Or demonstrations where even the principal joins in if it’s against the far right. They’re also welcome to go to Christopher Street Day. But trouble starts when you demonstrate against mandatory military service.
I myself asked at the last demonstration here in Oldenburg what experiences the students had had. They varied. It wasn’t the same at every school. But there were schools that, of all days, scheduled exams for that very day. Pure coincidence, of course.
Milena Preradovic: Let’s go back to the wording for a moment. There has always been a very clear line between peace and war. And that line is now being blurred. We’re now in the pre-war period, in a state of hybrid war. Then drones suddenly appear, and that’s the headline for two weeks. After that, you never hear anything about drones at any airports again. And in between, the narrative is always: This is the hybrid war that Putin wants to impose on us.
Dr. Leo Ensel: Yes. Over the past few weeks, I sat down and did something for myself that I hadn’t yet done in my book. I tried to categorize these 800 words that I’ve reviewed so far. There’s a larger category that I’ve called the so-called “gray zone between war and peace.” These are all words and phrases intended to suggest that we’re certainly no longer in a state of true peace.
These include, for example, terms like “hybrid.” We’re living in an “icy peace,” says the new head of the Federal Intelligence Service. At the same time, by the way, he says: Logic doesn’t matter here. We’re already “in the fire.” Icy and hot, just like that famous restaurant dessert. Then there’s the “gray zone between war and peace.” “It could start as early as tonight.” A military historian was already talking last year about the “last summer of peace.” We find ourselves “somewhere in between.” And our Inspector General has proven to be a poet in the making. He’s now speaking of a “twilight transition period” in which we are currently moving.
The purpose of all these phrases is, as you just said, to blur the clear line between peace and war and to suggest to us that we are certainly no longer in a state of true peace. This makes the transition all the easier—in this twilight transitional period from “no longer peace” to “not yet war” to full-blown war. We’re already being verbally catapulted into this transitional period so that the transition to full-blown war later on will be all the easier.
Milena Preradovic: And I mean, anyone who’s beating the drum for peace today—people like you and people like me—we’re no longer on the “right” side. We’re already being framed as right-wing. Even back in the period we mentioned earlier, the line was: “The doves are fluttering to the right.” And of course, there are already made-up terms for us: “rag-tag pacifists,” for example.
Dr. Leo Ensel: A classic from Sascha Lobo.
Milena Preradovic: Sascha Lobo, exactly—the “State Iroquois.” Can you think of any others?
Dr. Leo Ensel: Yes, there are a few more. Hold on a second—I have to think about it because I’ve already blocked some of them out again. But you’re absolutely right. Of course, it’s always part of the game not only to demonize the opponent, but also the spoilsports in our own country who just don’t toe the line. We’re then labeled the “fifth column.” Naturally, we also have to be verbally discredited accordingly.
Milena Preradovic: Exactly. Fifth column. I’ve also read “Putin whore” before.
Dr. Leo Ensel: I don’t have that one in my butterfly collection yet. What I particularly love is the “Hitler-Stalin Pact incarnate”. Have you ever heard of that?
Milena Preradovic: Nope.
Dr. Leo Ensel: A somewhat complicated expression for Sahra Wagenknecht. From a CSU guy.
Milena Preradovic: Okay. He probably came up with that…
Dr. Leo Ensel: …the Hitler-Stalin Pact. “The Hitler-Stalin Pact incarnate.” Sorry, that was a bit simplistic. Then there’s “broadband pacifism”. The term comes from the man who sees doves of peace fluttering to the right. Whatever that might mean. It always makes me think of broad-spectrum antibiotics. It sounds strange—and that’s the point.
Or “old-school”. Deutschlandfunk Kultur published a short report on the school strikes against mandatory military service. There are actually very young people holding a sign that reads: “Create peace without weapons.” And that’s described as “old-school.” It makes you wonder what would be considered modern. Probably: making peace with weapons—according to that logic.
Milena Preradovic: It’s unbelievable what this has done to many people’s minds. Peace is taboo and cowardly. Just like détente and negotiations. Those used to be the guiding principles of the Federal Republic. People always wanted to negotiate; they wanted diplomacy.
Dr. Leo Ensel: A synonym for giving in.
Milena Preradovic: Exactly. A synonym for giving in. It’s madness. Anyone who still calls for a ceasefire today… I think it was Danish Prime Minister Frederiksen who said that a ceasefire in Ukraine would be worse than the war in Ukraine, or something like that.
Dr. Leo Ensel: Yes, or peace. I don’t remember exactly.
Milena Preradovic: Just to show it’s not just us: I think there are voices in Belgium, too, who want to raze Moscow to the ground. So I don’t think I’m entirely wrong when I say that’s how things are in many NATO countries.
Dr. Leo Ensel: To put it bluntly: The smaller the country, the bigger the mouth. If even the Belgian defense minister wants to raze Moscow to the ground, then there’s also a Baltic politician—please don’t make me name the country—who recently said, in essence: “We’ll easily take Kaliningrad.”
Milena Preradovic: That’s unbelievable.
Dr. Leo Ensel: It’s the kind of rhetoric that really leaves you speechless at first. And personally—as you’ve surely noticed if you’ve leafed through my little book—I can only respond to it sarcastically. There’s no other way to endure this nauseating vocabulary myself, nor can I expect readers to put up with it. It’s the only way.
Milena Preradovic: I can understand that very well. After all, it also includes things like the demand for parents to make sacrifices. Parents are now being asked to give up their children.
Dr. Leo Ensel: For the community. No longer for the fatherland. That’s the new wording.
Milena Preradovic: For the common good. But I miss the outcry a bit—not just from parents, but also from parents.
Dr. Leo Ensel: I’ve been missing that outcry for a very long time. In the early 1990s, we were in a wonderfully ideal situation. If you think back to the Charter of Paris: It contains the sentence “Security is indivisible.” A country’s security can never be achieved at the expense of another country’s security. If we’d stuck to that, we wouldn’t have all these problems.
Milena Preradovic: The Peace of Westphalia.
Dr. Leo Ensel: Exactly. Among other things, the Peace of Westphalia includes a prohibition against interfering in the affairs of another state. In modern terms, one would say: Regime change has been prohibited since the Peace of Westphalia.
Milena Preradovic: But the Peace of Westphalia is clearly old-school today.
Dr. Leo Ensel: Yes, that’s what many would call it today.
You’ve just raised an important issue. I see a great deal of lethargy, of apathy. Yet all these developments are the result of human decisions—and can therefore also be reversed by humans.
We must realize: It’s not just those who are driving this whole thing who are to blame, but also those who let it happen without resistance.
We had a major peace movement 40 years ago. Right now, hardly anything remains of it. I notice that in myself, too. As you said in your introduction: I am a child of the West German peace movement of the 1980s. I feel very alone today.
Back then, the situation was completely different. Most people had this phrase in their DNA: There must never be another war. That was the unthinkable. And it was clear to everyone: The next war in Central Europe would be the last.
Even today, we’re led to believe: If this war—which, unfortunately, cannot be ruled out—were to actually spread to Central Europe and directly involve NATO countries, it would unfold similarly to the war in Ukraine. I consider that a dangerous misconception. If a country like Russia feels backed into a corner, it will show the world that it is a nuclear power.
Incidentally, Putin is now also coming under pressure within his own country, because hardliners are publicly—on television—accusing him of being too lenient.
Milena Preradovic: They certainly mustn’t show that on TV, so our federal government doesn’t see it.
Dr. Leo Ensel: It’s an extremely dangerous situation. And it’s high time the West got its diplomatic machinery up and running. With two exceptions—the then-Prime Minister of Hungary and Donald Trump—there have been hardly any serious diplomatic initiatives.
Without diplomacy, we’re doomed in the medium term. I’m firmly convinced of that.
And we need the public to insist on diplomacy. A public that puts so much pressure on our politicians that they finally engage in serious diplomacy. There’s no other way out of this situation.
Milena Preradovic: It’s also crazy that Europe, of all places, is betting on war instead of diplomacy. Because in all the war games—both NATO’s and Russia’s—the ultimate goal is the destruction of Europe. We’re fueling our own downfall. That’s crazy.
Dr. Leo Ensel: The European Union was originally founded as a peace project—and internally, that worked exceptionally well for a long time. Externally, however, it is now proving to be a true war machine. Unfortunately, that’s how clearly it must be stated.
Milena Preradovic: Yes. And this verbal escalation from Europe is certainly being felt in Russia as well. Now the influential Russian political scientist Sergei Karaganov—who has advised both Yeltsin and Putin—has said that he now supports preemptive Russian nuclear strikes against a Europe he views as belligerent. We’re practically talking ourselves into a war.
Dr. Leo Ensel: This illustrates the point very clearly: The other side isn’t at a loss for such words either. You really have to let that sink in: preemptive nuclear retaliatory strikes. That means the adversary—in this case, us—is being punished not for what it has done, but for what it might do. Grammatically speaking: The subjunctive trumps the indicative.
Milena Preradovic: Yes, logic isn’t exactly the top priority here either.
Dr. Leo Ensel: Perhaps just a quick note on Karaganov: He used to be a staunch European. In the meantime, he has apparently undergone a fundamental shift in his worldview. He has become one of Russia’s most militant and influential political advisors.
Milena Preradovic: That’s a case of disappointed love. In a way, that also applies to Putin.
Dr. Leo Ensel: Who behaves considerably more moderately and doesn’t let himself be provoked nearly as emotionally.
Milena Preradovic: That’s what Medvedev is for.
Dr. Leo Ensel: That’s exactly what Medvedev does, right.
Milena Preradovic: Let’s get back to the Germans. One also gets the impression here—I certainly do—that the Germans are being prepared not only for war but also for poverty. For example, Moritz Schularick, the president of the Kiel Institute for the World Economy, said: “In the medium term, there will be no way around making tough budget decisions between guns and butter.”
Dr. Leo Ensel: That sounds familiar. I’ve heard that before. That alternative comes from Göring.
Milena Preradovic: Oh, really? I didn’t know that.
Dr. Leo Ensel: Yes, yes. It’s suddenly coming up again. One could almost postulate a collective unconscious.
Milena Preradovic: Do you still have hope?
Dr. Leo Ensel: We’re condemned to hope. Or, to put it in the words of my favorite philosopher, Günther Anders: He was the first to grapple with the fact that, ever since the development of nuclear weapons, humans have had doomsday devices at their disposal. He once put it this way:
“If I’m in despair—what’s it to me? Let’s carry on as if we weren’t.”
Milena Preradovic: A wonderful closing remark. Giving up is out of the question anyway. And gallows humor can save lives. That’s actually my own philosophy, and I live by it. That’s why I have to laugh a lot even in interviews like this—otherwise, it’s all actually hard to bear.
Thank you very much, Dr. Ensel, for the most important young adult book of the year—and highly recommended for adults as well.
Dr. Leo Ensel: Thank you for the invitation. Perhaps just one more quick note on a personal note: I would very much like to see grandparents give this little book to their grandchildren who will soon be subject to military conscription.
Milena Preradovic: Exactly. I second that appeal. Thank you for joining us.
Dr. Leo Ensel: Thank you for the invitation.
Milena Preradovic: Well, folks, it’s crazy what’s happening out there. And it seems that people aren’t really any more mature than they were during the last major world wars. Except for a few—as we just discussed—everyone just accepts everything. And then comes the big “Yikes, how crazy!”
Many believe we can fight climate change, but not our own political system. Logic has truly gone out the window. And yet we know from the COVID-19 pandemic: Resistance always makes sense.
I hope you all have a good time. See you soon.
„Die Tauben flattern nach rechts“ – das bringt es auf den Punkt. Ensel zeigt präzise, wie aus „Nie wieder Krieg“ plötzlich „kriegstüchtig“ wurde und wer dabei verbal den Frieden verrät.
Der Begriff „Lumpenpazifist“ zeigt doch perfekt, wie gezielt hier eine ganze Friedensbewegung diffamiert wird. Wenn selbst ein Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit nötig wird, haben wir die Sprache der Diplomatie längt aufgegeben.
„Die Tauben flattern nach rechts“ – dieser Satz trifft den Nagel auf den Kopf. Es ist bezeichnend, wie schnell aus „Nie wieder Krieg“ ein „kriegstüchtig sein“ werden konnte, ohne dass die Sprache dafür kritisch hinterfragt wird.
Spannend, wie Ensel den Wandel von „Nie wieder Krieg“ zu „kriegstüchtig“ als sprachlichen und politischen Bruch analysiert. Der Begriff „Lumpenpazifist“ zeigt ja perfekt, wie Verhandlungsbereitschaft heute diffamiert wird.
Die Analyse des „Wörterbuchs der Kriegstüchtigkeit“ trifft den Nagel auf den Kopf – besonders die Verschiebung von „Nie wieder Krieg“ hin zur „Kriegstüchtigkeit“ zeigt, wie tief die sprachliche Umdeutung bereits in der politischen Mitte angekommen ist.
Dr. Ensels „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ trifft den Nerv: Wenn Entspannung sofort als „Lumpenpazifismus“ abgetan wird, verlieren wir den Blick für die diplomatischen Werkzeuge, die Konflikte tatsächlich lösen. Die These, dass „die Tauben nach rechts flattern“, ist eine wichtige Warnung vor einer Rhetorik, die jeden Friedenswilligen pauschal diskreditiert.
Dr. Ensels „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ trifft den Nerv: Die Diskreditierung jedes Friedenswunsches als „Lumpenpazifismus“ verengt den politischen Diskurs gefährlich und macht diplomatische Lösungen zur unbequemen Randnotiz. Solange „Kriegstüchtigkeit“ als alleiniges Lösungswort gilt, fliegen die Tauben nicht nach rechts – sie werden einfach lautlos abgeschossen.
Die These, dass Friedenfordern immer mehr mit der Beleidigung „Lumpenpazifist“ bestraft wird, ist erschreckend aktuell. Solange Diplomatie als Schwäche und Kriegs-Vokabular als Tugend gilt, verlieren wir genau das, was echten Frieden sichert – nämlich den Mut zu Verhandlungen statt zu weiterer Eskalation.
Die These, dass „Nie wieder Krieg“ obsolet sei und jeder Friedensapell sofort als „Lumpenpazifist“ abgestempelt wird, ist alarmierend. Wenn Dr. Leo Ensel mit seinem „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ nachweist, wie Diplomatie durch Kriegs-Vokabular ersetzt wird, zeigt das doch gerade, wie sehr wir den Dialog verloren haben. Stattdessen sollten wir wieder Verhandlungen zulassen, statt jeden andersdenkenden in eine extreme Ecke zu drängen.
Die These, dass Friedensforderungen pauschal als Lumpenpazifismus abgetan werden, ist leider in der aktuellen Debatte allgegenwärtig. Dr. Ensel liefert mit dem „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ eine wichtige Diagnose dafür, wie unser Sprachgebrauch Verhandlungsbereitschaft erstickt – die Tauben flattern eben nicht nur nach rechts, sondern werden aktiv aus dem Diskurs verdrängt.
woke und wehrhaft erinnert nicht an toxische Männlichkeit sondern an die wehrhafte Demokratie.
Lieber Herr Dr. Engel, die Kriegspropaganda begann mit dem ‚Krieg gegen das Virus‘. Ich erinnere, wie ich damals dachte, wenn der Krieg gegen Menschen propagiert wird, werden sich die Leute ebenso leicht verletzen lassen. Nachdem ich inzwischen erfahren habe, dass das Militär maßgeblich an der Coronainszenierung beteiligt war, wundert mich der mich damals noch befremdende Slogan nicht mehr
Dr. Ensels „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ liefert eine erfrischend nüchterne Bestandsaufnahme: Dass der Begriff „Lumpenpazifist“ heute schon als Schimpfwort für alle gilt, die noch immer über Verhandlungen statt über Aufrüstung sprechen, zeigt, wie sehr unser Diskurs entkoppelt von der Realität ist. Statt sich in die „extreme Ecke“ manövrieren zu lassen, wäre es an der Zeit, wieder klar zwischen konstruktiver Friedensarbeit und naiver Apologetik zu unterscheiden.
Dubios welche grobe Kritik an Herrn Ensel hier geäußert wird.
Dabei sind nicht die grob offensichtlichen Mittel von hartem Polizeistaat (Coronoia-Regime, Rechtsmißbrauch gegen Kritiker) oder plumper Propaganda (Kultimultibuntismus, GONGO-Unwesen) sondern vielmehr die subtile Manipulation der Sprache am gefährlichsten, denn so subtil-unscheinbar-alltäglich wie das uns allen tagtäglich auf allen Kanälen (mitsamt dem persönlichen Umfeld) untergejubelt wird schleicht sich somit das gewünschte Denken am unbemerktesten in aller Hirne.
Bezüglich Krieg sollte man bedenken daß jeglicher Militarismus vor allem einem Krieg dient, und das ist der gegen die eigene zivile Gesellschaft im Inneren. Kontrolle, Gehorsam und totalitäres Durchgreifen gegen jeglichen Widerstand lassen sich nie leichter durchprügeln als wenn die Masse durch den vermeintlich gemeinsamen Angreifer von außen abgelenkt und geistig wie moralisch gelähmt wird.
@.TS.
Halten Sie Ihren Vortrag doch in Gaza, Libanon, Jemen oder Iran!
Viel Spaß!
„Whataboutism“ – klassisch regimegünstlingslinke Propagandataktik zur Ablenkung und Relativierung von Fakten.
Abgesehen davon ist von keinem der 4 genannten Länder bekannt daß dort Manipulation der Alltagssprache zur Zerstörung des eigenen Volkes & Kultur betrieben wird.
In diesen Ländern wissen die Menschen ja auch, wer ihr Feind ist: Es ist der, von dem sie bombardiert werden.
Wer einen echten Feind hat braucht eben keinen eingebildeten Feind!
Thema verfehlt, setzen, 6.
Was allerdings kein Versehen war, sondern rabulistische Propagandatechnik: „Achtung“ steht drüber, Obacht ist geboten!
verstehen ist nicht jedermanns sache.
„Deutsch“ auch nicht …
Mel Gibson hat in einem einzigen Satz mehr Sinnvolles über sie Entstehung der Kriege gesagt, als Dr. Ensel in diesem ganzen Interview! Dr. Ensel brennt nur Nebelkerzen ab und steut Sand in unsere Augen.
Bereits vor Corona hat Wirtschaftsminister Peter Altmeier im Fernsehen verkündet, dass die Bundeswehr zukünftig nicht nur zur Landesverteidigung da sei, sondern auch zur Wahrung von wirtschaftlichen Interessen. Da wir keine Staatswirtschaft haben wie in der DDR, sondern eine Privatwirtschaft, heißt das im Klartext: Zur Wahrung von privaten Interessen!
Der Proteststurm in den Medien, den ich erwartet hatte, blieb damals aus und es folgte auch keine öffentliche Diskussion darüber.
Auch Dr. Ensel hat dies scheinbar verpennt – oder tut er nur so überrascht?
Ich finde ihn sehr auf den Punkt.
Aber es wird nichts am Lauf der Dinge ändern, das ist mein Problem.
Hallo Anton,
könnten Sie vielleicht noch einmal mit Ihren Worten sagen, was denn der Punkt ist?
Und was soll das sein: „Der Lauf der Dinge“?
Profitiert der „Lauf der Dinge“ nicht von viel zu vielen Mitläufern die glauben, man könne ja sowieso nichts machen?