„Konstante Über-Erregung macht süchtig“ – mit Dr. Ulrike Wichtmann

19. Aug 20224 Kommentare

Die Gesellschaft hat sich in den letzten Jahren zutiefst verändert. Eine Angst jagt die nächste. Vor Corona, vor Krieg, vor Klimakatastrophe, vor Verarmung. Die Menschen sind aggressiver, depressiver und verzweifelter. „Wir befinden uns im dauerhaften Notfallmodus“, sagt Dr. Ulrike Wichtmann. Die Fachärztin für Intensivmedizin und psychosomatische Medizin ist sicher: „Das hat schwere Konsequenzen für Körper und Geist.“ Vor allem Kinder und Jugendliche könnten lebenswichtige Mechanismen nicht mehr entwickeln. Wie kommen wir aus diesem kollektiven Trauma wieder raus?

Website Faith: https://www.faith-international.net/
Heft: „Ein Kurs in erster Hilfe für traumatisierte Menschen“: http://ajz-verlag.de/produkt/dr-ulrike-wichtmann-ein-kurs-in-erster-hilfe-fuer-traumatisierte-menschen/

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Milena Preradovic

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Interview mit Dr. Ulrike Wichtmann (deutsch)

Milena Preradovic: Egal wie man zu dieser Corona Krise steht. Eins fällt doch allen auf unsere Gesellschaft hat sich zutiefst verändert und eine Angst jagt die nächste. Vor dem Virus, vor der Klimakatastrophe, vor Krieg und jetzt auch vor Verarmung. Die Menschen sind aggressiver, verzweifelter und depressiver geworden und ein Ende ist nicht in Sicht. Politik und Medien schüren weiter. Was löst das in uns aus? Mein Gast sagt, wir befinden uns im dauerhaften Notfall-Modus. Und das hat schwere Konsequenzen für unseren Körper und für unseren Geist. Vor allem Kinder und Jugendliche können lebenswichtige Mechanismen nicht mehr entwickeln mit unabsehbaren Folgen. Wie kommen wir aus diesem kollektiven Trauma wieder raus? Jetzt in Punkt Preradovic. Hallo, Dr. Ulrike Wichtmann.

Dr. Ulrike Wichtmann: Grüße Sie, Frau Preradovic.

Milena Preradovic: Ich stelle Sie kurz vor. Sie sind Fachärztin für Anästhesie und Intensivmedizin und Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychoanalyse mit eigener Praxis seit mehr als 30 Jahren. 2016 haben Sie ein Erste Hilfe Tool für traumatisierte Menschen entwickelt, das auch von medizinischen Laien angewendet werden kann. Im Zuge dessen haben Sie mit Ihrem Projekt Faith hunderte Trauma Ersthelfer ausgebildet, um Menschen aus dem Notfall-Modus schnell wieder herauszuholen. So, darüber wollen wir reden, über diesen Notfall-Modus, über Traumatisierungen und vielleicht ganz zu Anfang eine kleine Einordnung, damit wir alle vom gleichen reden. Was ist ein Trauma und was ist ein Notfall-Modus?

Dr. Ulrike Wichtmann: Ja, Trauma ist eine lebensbedrohliche Erfahrung, die in einer in der betroffenen Person Entsetzen, Horror und Grauen auslöst. Und ein Trauma kann auch entstehen, wenn eine Person ein solches Ereignis bei anderen beobachtet.

Milena Preradovic: Es ist auf jeden Fall eine Schreckenserfahrung. Und was ist jetzt Notfallmodus?

Dr. Ulrike Wichtmann: Und der Notfallmodus ist so zu sagen die Art und Weise, wie unser Organismus auf der neurochemischen und neurophysiologischen Ebene darauf reagiert.

Milena Preradovic: Wir haben es ja irgendwie schon mit viel Angst und schrecklichen Bildern und Schreckensmeldungen seit zweieinhalb Jahren mit einem traumatisierten Volk zu tun. Sind wir auch im Notfall-Modus?

Dr. Ulrike Wichtmann: Ja, vieles spricht dafür, dass dieser Notfall-Modus eigentlich nicht wirklich abgeklungen ist jemals. Ja einfach, dass die Angst immer noch so eine große Bedeutung hat zwischen den Menschen auf den verschiedensten Ebenen und dass unsere Organisation, aber auch wie wir individuell reagieren oft nicht funktional und vernünftig erscheint, sondern also irrational und sehr eingeengt.

Milena Preradovic: Das heißt, der Normalmodus ist eigentlich auch nur für Notfälle gedacht und funktioniert im wahren, normalen Leben nicht.

Dr. Ulrike Wichtmann: Ja, er funktioniert in der akuten Notfallsituation. Aber wenn er sich dann nicht wieder zurückbildet und ausheilt, sondern bestehen bleibt, dann verändert er auf eine fatale und verheerende Art und Weise unsere Wahrnehmung und Informationsverarbeitung und natürlich auch unsere zwischenmenschlichen Beziehungen. Hm.

Milena Preradovic: Was passiert denn da? Sie haben vorhin gesagt biochemisch, was passiert denn da biochemisch, wenn wir im Notfall-Modus sind, was für einen Einfluss hat das auf unseren Körper und unser Gehirn?

Dr. Ulrike Wichtmann: Neurophysiologisch, also biochemisch und neurophysiologisch. Das hängt eng miteinander zusammen und der Körper reagiert auf schwere Bedrohung sowohl auf der Ebene des Gewebes als auch auf der Ebene des vegetativen Nervensystems und des Gehirns. Und er versucht, alle unnötigen Funktionen für einen Moment außer Kraft zu setzen und sich ganz und gar auf das Überleben zu konzentrieren, indem er alle Energie freisetzt, die überhaupt zur Verfügung steht, um entweder zu flüchten oder anzugreifen, oder aber in einen Todstell-Reflex zu verfallen, damit der Angreifer uns möglicherweise übersieht. Und wenn, dann, wenn das alles nichts mehr nützt, dann wird unser Organismus sogar unsere Wahrnehmung unterbrechen, entweder partiell, also teilweise oder komplett. Damit wir also die Qualen des Sterbens, der Agonie, dieser extrem gesteigerten Todesangst nicht mehr miterleben müssen.

Milena Preradovic: Kann denn jemand, der im Notfall Modus ist, überhaupt noch klar denken?

Dr. Ulrike Wichtmann: Nein, also die, die Aufnahme ist nur auf die potenzielle Gefahr und ihre Vermeidung gerichtet. Und in diesem Bereich ist der Zustand des Bewusstseins überwach, aber alles andere ist ausgeblendet.

Milena Preradovic: Was passiert denn dann da im Gehirn, dass wir nicht mehr denken können, wenn wir in diesen Notfallmodus sind?

Dr. Ulrike Wichtmann: Ja, auch im Gehirn treten ganz entscheidende Veränderungen ein. Die Amygdala, das ist ein paariges Organ in der Mitte vom Kopf, vom Gehirn, die wird von Reizen überflutet unter dem Eindruck von traumatischer Angst. Und die macht dann sozusagen einen Kurzschluss und leitet Informationen nicht mehr oder nur noch ganz vermindert an andere Zentren weiter, die aber notwendig sind, damit Erfahrungen wirklich ihren Stellenwert finden können. Also der Hippocampus wird zum Beispiel mit weniger Informationen versorgt und der ist notwendig, damit wir das Erfahrene mit unserem Gedächtnisinhalten vergleichen können, dass wir es in Ort und Zeit einordnen können. Dann ist die Verbindung zum limbischen System und zu den beiden Hirnhälften vermindert, so dass die kognitive Verarbeitung und auch die emotionale Färbung des Erlebten zu kurz kommt und nicht in vollem Umfang eintreten kann. Und letztendlich, was besondere Bedeutung hat, ist auch die Verbindung zum Großhirn nicht voll funktionsfähig. Das Großhirn ist dafür verantwortlich, Erfahrungen zu evaluieren, zu bewerten, zu symbolisch zu symbolisieren und in sprachliche Verarbeitungsfähigkeit zu übersetzen. Und all diese Fähigkeiten, die fließen dann nicht mehr ein in die Verarbeitung dieser Erfahrungen, so dass wir eigentlich in diesem Moment wie ein Bündel von Angst zurückbleiben.

Milena Preradovic: Ja, den Eindruck hat man ja auch bei vielen Menschen. Das erklärt vielleicht auch, warum viele Menschen nicht in der Lage sind, Fakten aufzunehmen oder es nicht wollen oder einfach andere beschimpfen. Das ist auch eine große Aggressivität, hat ja auch mit dem Notfallmodus zu tun.

Dr. Ulrike Wichtmann: Ja, ja, es ist dieser gesteigerte Sympathikoturnus, also der Sympathikus-nerv im vegetativen Nervensystem, der für Flucht oder Angriff zuständig ist, der geht auf Verteidigung und will uns schützen. Diese Reaktion ist eine automatische, reflexhafte die teilen wir mit den Säugetieren, die auch in solchen extremen Bedrohungssituation auf diese Weise reagieren. Also Angriff, Flucht, Tod, der Reflex oder Ausstieg aus der Erfahrung.

Milena Preradovic: Und es ist auch ansteckend, sagen Sie. Also ist der Notfall-Modus ist ansteckend?

Dr. Ulrike Wichtmann: Ja, und der ist überlebenswichtig. Diese Ansteckungsfähigkeit ist überlebenswichtig. Wenn man sich vorstellt, also eine Antilopen-Herde zum Beispiel entdeckt einen Löwen, der zur Jagd ansetzt, dann wird diese Herde in NullKommanichts, also in Sekundenschnelle, alle in die gleiche Richtung stieben. Ja, und das passiert nicht über Laute, über Sprache und über Gedanken, sondern das läuft unterschwellig auf der Ebene des Organismus ab. Der Körper ist es, der den größten Teil unserer Informationen verarbeitet. Ich glaube, im siebenstelligen Bereich pro Sekunde verarbeitet der Körper und nur zwölf Bits pro Sekunde gelangen überhaupt schon im Normalzustand in unser Alltagsbewusstsein. Alles andere passiert unterhalb des Gehirns, im Gewebe und im vegetative Nervensystem. Und speziell dieser Notfall-Modus ist einfach ein Reflex. Der kann auch dann, wenn die akute Bedrohung aufgehört hat, unterschwellig latent noch eine Weile mitlaufen. Oder er kann sich ganz und gar festsetzen, ihn festsetzen im Organismus und diese Bereitschaft produzieren, schnell wieder auf die nächsten Hiobsbotschaften, auf die nächsten Trigger, auf die nächsten Angstsignale einzusteigen.

Milena Preradovic: Das heißt, wenn ich mich im Notfall-Modus befinde und jetzt kommt jemand mit einer neuen Angst daher, dann bin ich sofort bereit, darauf zu springen?

Dr. Ulrike Wichtmann: Ja, wir sind im Notfall-Modus außerordentlich triggerbar und in ständiger Halbacht- Position und hypervigilant bezüglich jeder möglichen Bedrohung und selbst völlig harmlose Reize können als Trigger wirken.

Milena Preradovic: Ist das dann, wenn man jetzt immer im Notfall-Modus ist? Da werden ja auch Dinge ausgeschieden: Endorphine, Opiate, Adrenalin. Was passiert denn, wenn das plötzlich aufhört?

Dr. Ulrike Wichtmann: Das sind ja auch suchterzeugende Substanzen. Und wenn das plötzlich aufhört, kommen wir auch in einen Zustand von Entzug. Diese Substanzen, die heben die Reizschwelle im Organismus an, so dass wir nur noch für sehr massive Reize empfänglich sind. Alles, was auf der feinen Ebene, zum Beispiel der Körpereigenwahrnehmung passiert, das wird ausgeblendet, sodass wir in diesem Notfall-Modus unseren Körper gar nicht mehr ausreichend spüren und damit auch nicht realisieren können, dass wir überlebt haben, dass wir leben. Und diese erhöhte Reizschwelle, die erfordert ständig Nachschub an Triggern, nicht an Kicks, an traumatischer neuer Stimulierung, um diesen Notfall-Modus aufrecht zu erhalten und diese Entzugserscheinungen im Körper nicht spüren zu müssen. Die fühlen sich nämlich gar nicht gut an, wir fühlen uns gar nicht wohl in unserer Haut.

Milena Preradovic: Ja, was sind das denn für Entzugserscheinungen? Jetzt kann man das mit Drogen vergleichen, also mit Entzug bei Drogen oder Alkohol?

Dr. Ulrike Wichtmann: Ja, könnte man sagen. Also, es hat schon Ähnlichkeit. Es ist nicht genauso, aber es hat Ähnlichkeiten. Es sind einfach massive Befindlichkeitsstörungen, Schwitzen Übererregtheit, Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit und vor allen Dingen, was mit diesem Trauma-Entzug einhergeht, ein Gefühl der Sinnlosigkeit und Leere. Und das müssen Menschen vorher wissen, damit sie diese Eindrücke, die ja sehr überzeugend sind, weil sie aus dem Innersten unseres Körpers aufsteigen, damit sie die nicht für bare Münze nehmen, sondern wissen, dass es nur ein Durchgangssyndrom, bis sich die Reizschwelle unseres Körpers wieder gesenkt hat und wir wieder fähig sind, unsere Befriedigung und unsere Erfüllung aus diesen sanften Empfindungen, aus den freien Empfindungen unserer Erfahrungen wieder abzuleiten.

Milena Preradovic: Das heißt, wer sich so lange im Notfall-Modus befindet, der stumpft richtig ab?

Dr. Ulrike Wichtmann: Das kann man sagen, weil wirklich es ist eine schwere Traumatisierung, die sich festgesetzt hat, die hat ganz verheerende Folgen und verändert ganz massiv, was und wie wir wahrnehmen, wie wir uns fühlen und wie wir denken.

Milena Preradovic: Wow. Das ist ja vielleicht für erwachsene Menschen schon schlimm. Aber wie sieht es denn bei Kindern und Jugendlichen aus? Die mussten ja auch schwere Erfahrungen machen. Ich nehme an, auch traumatische, wenn man ihnen gesagt hat: “Du musst sonst bringst du Oma und Opa um”. Wir erinnern uns an 2020, dann kamen die Masken in den Schulen, dann kamen Social-Distancing. Die Kinder durften sich nicht mehr sehen, keine sozialen Erfahrungen machen. Was bedeutet denn so ein Notfall-Modus für Kinder und Heranwachsende?

Dr. Ulrike Wichtmann: Ja, diese sozialen Erfahrungen sind ja unbedingt wichtig. Also sowohl mit dem eigenen Körper als auch in Beziehung zur Gleichaltrigen oder zu zu anderen Menschen, sind unbedingt wichtig für diese integrativen Prozesse in unserem Nervensystem. Wir werden nicht mit einem reifen Nervensystem geboren, sondern das reift erst im Laufe unserer Entwicklung. Also ganz besonders natürlich in der Kinder und Jugendzeit, aber bis ins hohe Alter hinein in weniger rasanten Tempo. Und wenn da ein Lockdown verkündet wird und die Kinder also an Kontakten gehindert werden, dann heißt das ja nicht, dass ihr Entwicklungsbestreben anzuhalten ist, sondern die greifen zu anderen Reizen und Informationen, um sich weiter entwickeln zu können. Und wir haben ja wirklich viele Kinder da auf den in den digitalen Bereich verwiesen. Und gerade das ist verheerend für Kinder, weil sie da eine Quelle der Stimulierung, sogar eventuell der erneuten traumatischen Stimulierung vorfinden, ohne dass sich aber diese Reize in der Realität integrieren lassen oder erfahrbar werden und modifizieren können. Das ist verheerend und deswegen, die Kinder und Jugendärzte und Psychiater, die vermelden ja auch einen massiven Anstieg an schweren Störungen, psychiatrischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Zwangsneurosen, Waschzwänge, Suizidalität. Und so weiter.

Milena Preradovic: Das heißt, das ist eine klare Entwicklungsstörung dann, wenn Kinder nicht mehr, also auch nicht mehr so sozial leben können? Also sagen wir mal, wenn sie zwei Jahre lang versäumt haben das soziale Leben und wenn Sie immer in dieser Erregung sind, was bedeutet denn diese ständige Erregung für Kinder?

Dr. Ulrike Wichtmann: Ja, diese ständige Übererregung bedeutet eigentlich, dass sie die Inhalte, die Informationen eigentlich gar nicht mehr verarbeiten können, dass sie sich gar nicht setzen können und im Organismus integriert werden können und sich auch in soziale Geschicklichkeit und Bezüge übersetzen lassen. Sondern die bedeuten eigentlich einen suchterzeugenden Mechanismus, mit dem die Kinder dann alleine bleiben, weil gleichzeitig die sozialen Kontakte immer schwerer werden. Die Kinder erfahren sich als sozial nicht mehr ausreichend geschickt, um also die Erregung, die in sozialen Kontakten natürlich immer stattfindet, zu händeln und umzusetzen. Und sie haben ja auch keine Möglichkeit, wenn sie da zu Hause eingesperrt sind und nicht ausreichend Sport treiben können usw. diese Erregung abzubauen, abzureagieren also das ist wirklich eine sehr schwierige Situation für viele Kinder und Jugendliche geworden.

Milena Preradovic: Und auch die Kinder und Jugendlichen bleiben ja im Notfall-Modus. Jetzt kommen die nächsten Ängste, die Klimakatastrophe, wie ich schon gesagt habe, der Krieg, das kriegen die Kinder natürlich auch alles mit. Aber wenn diese Kinder immer im Normalmodus bleiben, so wie wir. Was bedeutet denn das für ihre, sagen wir mal für ihre Gefühlsentwicklung? Was ist mit der ersten Liebe zum Beispiel?

Dr. Ulrike Wichtmann: Ja. Also die erste Liebe. Das ist ja eigentlich das das Highlight in unserem jugendlichen Leben und eine wirkliche großartige Leistung unseres Organismus, dass wir uns trauen. Also mit der Vielfalt der bis dahin gemachten Erfahrungen mit unserer sexuellen und erotischen Energie, aber auch mit unseren Sehnsüchten und Idealen, uns wirklich in eine zwischenmenschliche Beziehung hinein zu trauen und die wir nicht kontrollieren können. Uns abhängig zu machen, auch von der Reaktion des Gegenübers. Und das setzt eine große innere Integration und Reife voraus, dass wir es wagen. Es zeigt wie hochkomplex wir als Menschen sind, hochkomplex, viel komplizierter, als es jemals ein auf der digitalen Ebene abgebildet werden könnte. Und diese hochkomplexen Informationsverarbeitung im Gehirn, die sind im Organismus, die sind schwer gestört in diesen Lockdown-Erfahrungen. Da machen zweieinhalb jahre sehr viel aus in dieser Zeit.

Milena Preradovic: Das heißt, ein normaler Jugendlicher, der diese Erfahrung mitgemacht hat mehr Schwierigkeiten, sich diesem Gefühl, diese Gefühle zu sehen, zu merken und auch auf das Gegenüber zu reagieren?

Dr. Ulrike Wichtmann: Ja, diese Erregung zu halten, zu prozessieren, zum Ausdruck zu bringen und auch in befriedigende Beziehungen einmünden zu lassen.

Milena Preradovic: Dieser Normalmodus ist ja für die Menschen zur Realität geworden. Also wenn man seit über zwei Jahren irgendwo drin ist und gewöhnt sich an alles und man glaubt, dann ist das so. Und die Leute wissen wahrscheinlich gar nicht, in was für einem Zustand sie sich befinden. Wir haben es vorhin schon mal kurz erwähnt, aber sagen Sie doch noch mal zusammenfassend: Wie kann jemand selber merken, dass er sich in so einem traumatischen Normalzustand oder Modus befindet?

Dr. Ulrike Wichtmann: Also leichter ist es zu formulieren, woran merkt man, dass man sich nicht mehr drin befindet. Also dass man da herausgetreten ist. Man würde es daran merken, dass man humorvoller ist, dass man spielerischer sein kann, dass man Selbstkritik leisten kann oder Kritik vertragen kann. Dass man Wahlfreiheiten hat, dass man Ressourcen in Anspruch nehmen kann, dass man um Hilfe bitten kann, dass man Neugierde, Interesse aufbringen kann und letztendlich auch, dass man die eigenen Grenzen im Auge hat. Also dass man sich nicht überschätzt.

Milena Preradovic: Sie haben ja hunderte Trauma-Ersthelfer ausgebildet. Das sind ja keine Mediziner, sondern ganz normale Leute, die erste Hilfe leisten. Was ist denn da das Wichtige? Wie helfen die? Vielleicht können ja auch andere Leute hier in Deutschland anderen Leuten einfach helfen.

Dr. Ulrike Wichtmann: Ja, das könnten sie. Da ist ja auch dieses kleine Büchlein entstanden, was wir vielleicht unten verlinken können. Und dieses Tool, also First Aid International Trauma Helpers, das bildet Laien aus, andere Menschen aufzuklären über die Folgen der Traumatisierung und damit ihnen zu helfen, das, was sie selber erleben, eine Befremdlichkeit erst mal in einen Zusammenhang zu stellen und sich nicht mehr zu schämen und schuldig zu fühlen für diese gefühlte Einschränkung, die sie aber gar nicht sich gar nicht erklären können und die sie hauptsächlich als verwirrend empfinden. Also dieses Tool ist diese Einschätzung oder diese Herstellung des Zusammenhangs zum Notfall-Modus und zu schweren Traumatisierungen sehr entscheidend. Und das zweite ist eben, den Menschen auch zu vermitteln, dass unser Körper so eine wichtige Ressource ist in der Wiederherstellung unserer normalen Funktionsweise.

Milena Preradovic: Was heißt das ganz praktisch?

Dr. Ulrike Wichtmann: Ganz praktisch heißt es, dass wir dem Körper oder den Menschen so kleine, neurophysiologisch wirksame Übungen zeigen, die diese Körperwahrnehmung-Dissoziation auflösen können und den Körper wieder in Flow bringen und die Informationsverarbeitung und Vernetzung im vegetativen Nervensystem und natürlich im Gehirn wieder befördern.

Milena Preradovic: Was wären das für kleine Übungen? Können Sie da eine nachmachen? Kurz?

Dr. Ulrike Wichtmann: Ja, ein sehr gutes Beispiel oder eine grundlegende Übung ist das Gähnen. Das ist auch eine körpereigene Reflex. Also der Körper selber stellt diese Fähigkeiten zur Verfügung. Gähnen ist ein sehr neurophysiologisch wirksamer Vorgang. Wir können es natürlich gerne mal machen, ja. Also über den Mund ganz weit aufreißen und uns strecken und stehen lassen.

Milena Preradovic: Wenn mein Hund in Stress gerät, dann gähnt der oft.

Dr. Ulrike Wichtmann: Ja?

Milena Preradovic: Weil das auch dem Stressabbau dient?

Dr. Ulrike Wichtmann: Ja und weil das hilft, Erregung zu halten, ohne einzufrieren. Also wenn mein Hund zum Beispiel spazieren gehen will, steht schon vor der Tür und Frauchen hat die Leine vergessen oder irgendwas muss noch irgendwas holen oder so. Und er ist voller Energie, in Vorfreude auf das jetzt “Gleich geht’s los”. Dann gähnt er, um diese Energie zu halten, ohne einzufrieren. Das ist eine hohe integrative Leistung unseres Organismus. Und das wird durch Gähnen erzeugt. Nicht alle Wesen gähnen. Ich habe festgestellt, sogar Fische und Schildkröten gähnen. Bei den Fliegen habe ich es noch nicht beobachtet. Aber Gähnen ist weit verbreitet. Und bei allen Lebewesen. Also ich kann ein paar Beispiele nennen. Gähnen verändert die Neurochemie im Gehirn. Es führt dazu, dass Serotonin, also dieser stimmungsausgleichende Transmitter, ausgeschüttet wird. Also, wenn wir zu aufgeregt sind, bringt uns Gähnen ein bisschen runter. Und wenn wir zu lahm sind, dann wird es uns ein bisschen unsere Spannkraft etwas erhöhen. Ja, das ist auf der neurochemischen Ebene. Und Gähnen bewegt Flüssigkeit im Gehirn. Also, wenn wir viel Gähnen, dann werden unsere Schleimhäute feucht, also es fließen eventuell Tränen oder Spucke wird mehr. Also ein Zeichen dafür, dass im Körper Flüssigkeit bewegt wird. Und Informationsverarbeitung im Körper ist an Flüssigkeitsbewegung gebunden. Gähnen bringt uns wieder in Flow und Gähnen verhindert auch, dass wir so mental abdriften. Also wenn man gähnt, dann wird jede Art von Grübeln unterbrochen. Es ist nicht möglich zu gähnen und gleichzeitig zu denken. Also Gähnen bringt uns ganz und gar wieder in den Körper zurück.

Milena Preradovic: Ich merke Frau Wichtmann, Sie sind ein großer Fan des Gähnens.

Dr. Ulrike Wichtmann: Ich bin ein großer Fan des Gähnens. Noch etwas habe ich noch vergessen: Gähnen massiert nämlich die beiden Vagos-Äste, die auf dem Gehirn austreten und hinter unserem Rachen runterlaufen an beiden Seiten der Wirbelsäule und die im Trauma dazu neigen, zu dissoziieren, sodass das der Notfall-Ast des Vagusnerven diese Schockstarre auslöst, schon bei geringer Stimulierung. Und Gähnen hilft diese beiden Äste im Vakus-Nerv wieder in Kontakt zu bringen und zu integrieren. Also eine ganz große Latte an….

Milena Preradovic: Und ich dachte immer, ich bin müde, wenn ich gähne. Nein, aber ich möchte das jetzt in meinen Alltag integrieren. Vielen Dank, Frau Dr. Wichtmann. Das war hochspannend. Also, wir haben gelernt, was wir möglicherweise haben, also in was für einem Modus wir laufen, dass das sehr, sehr ungesund ist, dass das abhängig machen kann, dass man auf Entzug gehen kann und dass Aufklärung ganz, ganz wichtig ist. Dass man überhaupt erst mal weiß, dass das nicht Realität ist, sondern Notfall-Modus. Vielen Dank, dass Sie da waren.

Dr. Ulrike Wichtmann: Ja Danke, Frau Preradovic.

Milena Preradovic: Tja, Leute, wir brauchen Resilienz. Widerstandskraft. Ich persönlich bin in den vergangenen zwei Jahren, habe ich gemerkt, sogar angstfreier geworden. Wahrscheinlich, weil ich mehr im Jetzt lebe. Die Vergangenheit ist weit weg und die Zukunft? Naja, so ungewiss wie heute war sie wahrscheinlich noch nie. Also genießen wir das, was wir haben und stärken uns für das, was da kommt. Ich wünsche euch eine gute Zeit bis bald.

Interview with Dr. Ulrike Wichtmann (english)

Milena Preradovic: No matter what one thinks about this Corona crisis. One thing is obvious to everyone: our society has changed profoundly and one fear follows the next. Before the virus, before the climatic disaster, before war and now also before impoverishment. People have become more aggressive, more desperate and more depressed, and there is no end in sight. Politics and the media continue to stir things up. What does this trigger in us? My guest says we are in permanent emergency mode. And that has severe consequences for our bodies and for our minds. Children and young people in particular can no longer develop vital mechanisms with unforeseeable consequences. How do we get out of this collective trauma? Now in point Preradovic. Hello, Dr. Ulrike Wichtmann.

Dr. Ulrike Wichtmann: Greetings, Ms. Preradovic.

Milena Preradovic: Let me introduce you briefly. You are a specialist in anesthesia and intensive care medicine and a specialist in psychosomatic medicine and psychoanalysis with your own practice for more than 30 years. In 2016, you developed a first aid tool for traumatized people that can also be used by medical laypersons. In the process, you trained hundreds of trauma first responders with your project Faith to get people out of emergency mode quickly. So, that’s what we want to talk about, this emergency mode, trauma, and maybe at the very beginning a little classification so we’re all talking about the same thing. What is trauma and what is emergency mode?

Dr. Ulrike Wichtmann: Yes, trauma is a life-threatening experience that triggers horror, horror and horror in a person affected. And trauma can also occur when a person observes such an event in others.

Milena Preradovic: It is definitely a horror experience. And what is emergency mode now?

Dr. Ulrike Wichtmann: And emergency mode is, so to speak, the way our organism reacts to it on the neurochemical and neurophysiological level.

Milena Preradovic: We have somehow already been dealing with a traumatized people for two and a half years with a lot of fear and terrible images and horror stories. Are we also in emergency mode?

Dr. Ulrike Wichtmann: Yes, there is much to suggest that this emergency mode has actually not really subsided ever. Yes simply that fear still has such a great significance between people on the most diverse levels and that our organization, but also how we react individually often does not seem functional and reasonable, but rather irrational and very constricted.

Milena Preradovic: That means that the normal mode is actually also only meant for emergencies and does not work in real, normal life.

Dr. Ulrike Wichtmann: Yes, it works in acute emergency situations. But if it then does not regress and heal, but persists, then it changes our perception and information processing and of course our interpersonal relationships in a fatal and devastating way. Hm.

Milena Preradovic: What is happening there? You said biochemically earlier, what happens biochemically when we are in emergency mode, what kind of impact does that have on our body and our brain?

Dr. Ulrike Wichtmann: Neurophysiologically, so biochemically and neurophysiologically. It’s closely related, and the body reacts to severe threat at the tissue level as well as at the level of the autonomic nervous system and the brain. And it tries to override all unnecessary functions for a moment and focus entirely on survival, releasing all the energy that’s even available to either flee or attack, or go into a death-stand reflex so that the attacker might miss us. And if, then, if all this is of no use anymore, then our organism will even interrupt our perception, either partially, that is, partially or completely. So that we don’t have to experience the agony of dying, of agony, of this extremely heightened fear of death.

Milena Preradovic: Can someone who is in emergency mode still think clearly at all?

Dr. Ulrike Wichtmann: No, so the, the intake is only directed to the potential danger and its avoidance. And in this area, the state of consciousness is monitored, but everything else is blanked out.

Milena Preradovic: So what happens there in the brain that we can’t think anymore when we are in this emergency mode?

Dr. Ulrike Wichtmann: Yes, very decisive changes also occur in the brain. The amygdala, which is a paired organ in the middle of the head, of the brain, is flooded with stimuli under the impression of traumatic fear. And then it makes a short circuit, so to speak, and no longer passes on information, or only passes it on in a very diminished form, to other centers, which are, however, necessary so that experiences can really find their place. So the hippocampus, for example, is supplied with less information, and it is necessary so that we can compare what we have experienced with our memory content, so that we can place it in time and place. Then the connection to the limbic system and to the two hemispheres of the brain is diminished, so that the cognitive processing and also the emotional coloring of what we have experienced comes up short and cannot occur to its full extent. And finally, which has special significance, the connection to the cerebrum is also not fully functional. The cerebrum is responsible for evaluating, assessing, symbolizing experiences and translating them into linguistic processing abilities. And all of these abilities, they don’t then feed into the processing of these experiences, so we’re actually left in that moment like a bundle of anxiety.

Milena Preradovic: Yes, that’s the impression you get from many people. Maybe that also explains why many people are not able to take in facts or don’t want to or just insult others. That is also a great aggressiveness, has to do with the emergency mode.

Dr. Ulrike Wichtmann: Yes, yes, it is this increased sympathetic nervous system, that is, the sympathetic nerve in the autonomic nervous system, which is responsible for flight or attack, that goes on defense and wants to protect us. This reaction is an automatic, reflexive one that we share with the mammals, which also react in this way in such extreme threatening situations. So attack, flight, death, the reflex or exit from the experience.

Milena Preradovic: And it’s also contagious, you say. So the emergency mode is contagious?

Dr. Ulrike Wichtmann: Yes, and it is essential for survival. This contagiousness is vital for survival. If you imagine, for example, that a herd of antelopes discovers a lion that is about to hunt, then in no time at all, in a matter of seconds, this herd will all rush in the same direction. Yes, and this does not happen via sounds, via language and via thoughts, but it happens subliminally on the level of the organism. It is the body that processes most of our information. I believe in the seven-digit range per second the body processes, and only twelve bits per second even enter our everyday consciousness in the normal state. Everything else happens below the brain, in the tissues and in the autonomic nervous system. And especially this emergency mode is simply a reflex. Even when the acute threat has ceased, it can still run latently for a while. Or it can take hold completely, fix it in the organism and produce this readiness to quickly react to the next bad news, to the next trigger, to the next fear signals.

Milena Preradovic: That means, if I am in emergency mode and now someone comes along with a new fear, then I am immediately ready to jump on it?

Dr. Ulrike Wichtmann: Yes, we are extraordinarily triggerable in emergency mode and in a constant half-eight position and hypervigilant with regard to any possible threat and even completely harmless stimuli can act as triggers.

Milena Preradovic: Is that then when you are now always in emergency mode? That’s where things are secreted: endorphins, opiates, adrenaline. What happens when that suddenly stops?

Dr. Ulrike Wichtmann: These are also addictive substances. And when that suddenly stops, we also enter a state of withdrawal. These substances raise the stimulus threshold in the organism, so that we are only receptive to very massive stimuli. Everything that happens on the subtle level, for example, the body’s own perception, is blanked out, so that in this emergency mode we no longer feel our body sufficiently and thus cannot realize that we have survived, that we are alive. And this increased stimulus threshold requires a constant supply of triggers, not kicks, traumatic new stimulation, in order to maintain this emergency mode and not to have to feel these withdrawal symptoms in the body. Because they don’t feel good at all, we don’t feel comfortable in our skin at all.

Milena Preradovic: Yes, what are these withdrawal symptoms? Now you can compare that with drugs, so with withdrawal from drugs or alcohol?

Dr. Ulrike Wichtmann: Yes, you could say that. Well, it does have similarities. It is not exactly the same, but it has similarities. There are simply massive mood disorders, sweating, overexcitedness, sleeplessness, loss of appetite and, above all, what goes hand in hand with this trauma withdrawal, a feeling of meaninglessness and emptiness. And people need to know this beforehand, so that they do not take these impressions, which are very convincing because they rise from the innermost part of our body, at face value, but know that it is only a transit syndrome until the threshold of our body has lowered again and we are again able to derive our satisfaction and fulfillment from these gentle sensations, from the free sensations of our experiences.

Milena Preradovic: That means, whoever is in the emergency mode for such a long time really dulls?

Dr. Ulrike Wichtmann: You can say that, because it really is a severe traumatization that has taken hold, that has quite devastating consequences and changes quite massively what and how we perceive, how we feel and how we think.

Milena Preradovic: Wow. Maybe that’s bad enough for adults. But what about children and young people? They also had to go through difficult experiences. I assume also traumatic ones, when they were told: “You have to do it, otherwise you’ll kill grandma and grandpa. We remember 2020, then came the masks in the schools, then came social distancing. Children were no longer allowed to see each other, to have social experiences. What does such an emergency mode mean for children and adolescents?

Dr. Ulrike Wichtmann: Yes, these social experiences are absolutely important. So both with our own body and in relation to our peers or to other people, are absolutely important for these integrative processes in our nervous system. We are not born with a mature nervous system, but it matures in the course of our development. So especially of course in childhood and adolescence, but up to old age at a less rapid pace. And when a lockdown is announced and the children are prevented from contact, it doesn’t mean that their developmental efforts have to be halted, but they reach for other stimuli and information in order to be able to develop further. And we have really relegated many children to the digital realm. And that in particular is devastating for children, because they find a source of stimulation there, even possibly of renewed traumatic stimulation, but without these stimuli being able to be integrated or experienced and modified in reality. This is devastating and that is why the pediatricians and psychiatrists are reporting a massive increase in severe disorders, psychiatric disorders in children and adolescents. Obsessive-compulsive disorders, compulsive washing, suicidal tendencies. And so on.

Milena Preradovic: That means that this is a clear developmental disorder when children can no longer live socially? So let’s say if they have missed social life for two years and if you are always in this agitation, what does this constant agitation mean for children?

Dr. Ulrike Wichtmann: Yes, this constant over-excitement actually means that they can no longer process the content, the information, that they can’t settle down at all and be integrated in the organism and also be translated into social skills and references. But they actually mean an addictive mechanism, with which the children then remain alone, because at the same time the social contacts become more and more difficult. The children experience themselves as no longer being socially skilled enough to handle and implement the excitement that naturally always takes place in social contacts. And they also have no possibility, if they are locked up at home and can’t do enough sports, etc., to reduce this excitement, to get rid of it, so this has really become a very difficult situation for many children and adolescents.

Milena Preradovic: And also the children and young people remain in emergency mode. Now come the next fears, the climate catastrophe, as I already said, the war, of course the children get all that. But if these children always stay in normal mode, like we do. What does that mean for their, let’s say, emotional development? What about their first love, for example?

Dr. Ulrike Wichtmann: Yes. So first love. That is actually the highlight of our adolescent life and a really great achievement of our organism, that we dare to do it. So with the variety of experiences we have had up to that point with our sexual and erotic energy, but also with our longings and ideals, to really dare to enter into an interpersonal relationship and which we cannot control. To make ourselves dependent, also on the reaction of the other person. And that requires a great deal of inner integration and maturity for us to dare to do it. It shows how highly complex we are as human beings, highly complex, much more complicated than it could ever be mapped on a digital level. And this highly complex information processing in the brain, which is in the organism, is severely disturbed in these lockdown experiences. Two and a half years make a lot of difference in this time.

Milena Preradovic: That means that a normal adolescent who has been through this experience has more difficulties in remembering this feeling, in seeing these feelings, and also in reacting to the other person?

Dr. Ulrike Wichtmann: Yes, to hold this excitement, to process it, to express it and also to let it lead into satisfying relationships.

Milena Preradovic: This normal mode has become reality for people. So if you’ve been in somewhere for over two years and you get used to everything and you believe, that’s how it is. And people probably don’t even know what kind of state they’re in. We mentioned it briefly earlier, but say again in summary: How can someone realize themselves that they are in such a traumatic normal state or mode?

Dr. Ulrike Wichtmann: Well, it’s easier to say how you can tell that you’re no longer in it. That you have stepped out of it. You would notice that you are more humorous, that you can be more playful, that you can be self-critical or that you can take criticism. That you have freedom of choice, that you can call on resources, that you can ask for help, that you can muster curiosity, interest, and ultimately that you have your own limits in mind. So that you don’t overestimate yourself.

Milena Preradovic: You have trained hundreds of trauma first aiders. They are not medical professionals, but ordinary people who provide first aid. What is the important thing there? How do they help? Maybe other people here in Germany can simply help other people.

Dr. Ulrike Wichtmann: Yes, they could. That’s where this little booklet came into being, which we can perhaps link to below. And this tool, First Aid International Trauma Helpers, trains lay people to educate other people about the consequences of traumatization and to help them to put what they themselves experience, an alienation, into context and to no longer feel ashamed and guilty for this perceived restriction, which they cannot explain to themselves and which they mainly find confusing. So this tool is this assessment or this making the connection to the emergency mode and to severe trauma is very crucial. And the second thing is just to also teach people that our body is such an important resource in restoring our normal functioning.

Milena Preradovic: What does that mean in practical terms?

Dr. Ulrike Wichtmann: In practical terms, it means that we show the body or the people small, neurophysiologically effective exercises that can dissolve this body perception dissociation and bring the body back into flow and promote information processing and networking in the autonomic nervous system and, of course, in the brain.

Milena Preradovic: What would those little exercises be? Can you replicate one there? Briefly?

Dr. Ulrike Wichtmann: Yes, a very good example or a basic exercise is yawning. That is also a reflex of the body. So the body itself provides these abilities. Yawning is a very neurophysiologically effective process. We can, of course, feel free to do it, yes. So about opening our mouth really wide and stretching and letting ourselves stand.

Milena Preradovic: When my dog gets into stress, he often yawns.

Dr. Ulrike Wichtmann: Yes?

Milena Preradovic: Because that also serves to reduce stress?

Dr. Ulrike Wichtmann: Yes, and because it helps to maintain excitement without freezing. So when my dog wants to go for a walk, for example, he’s already at the door and his mistress has forgotten the leash or has to fetch something or other. And he’s full of energy, in anticipation of now “we’re about to go”. Then he yawns to hold that energy without freezing. That is a high integrative performance of our organism. And this is generated by yawning. Not all creatures yawn. I have noticed, even fish and turtles yawn. I have not yet observed it in flies. But yawning is widespread. And in all creatures. So I can give a few examples. Yawning changes neurochemistry in the brain. It causes serotonin, which is this mood-balancing transmitter, to be released. So if we’re too excited, yawning brings us down a little bit. And if we’re too lame, it’s going to give us a little bit of a boost to our resilience. Yeah, that’s at the neurochemical level. And yawning moves fluid in the brain. So, if we yawn a lot, then our mucous membranes become moist, so tears may flow or spit becomes more. So it’s a sign that fluid is being moved in the body. And information processing in the body is tied to fluid movement. Yawning brings us back into flow and yawning also prevents us from drifting so mentally. So when you yawn, any kind of brooding is interrupted. It is not possible to yawn and think at the same time. So yawning brings us completely back to the body.

Milena Preradovic: I notice Ms. Wichtmann, you are a big fan of yawning.

Dr. Ulrike Wichtmann: I am a big fan of yawning. There’s one more thing I forgot to mention: Yawning actually massages the two branches of the vagos that exit on the brain and run down behind our throat on both sides of the spine, and that tend to dissociate in trauma, so that the emergency branch of the vagus nerve triggers this rigor mortis, even with minor stimulation. And yawning helps bring those two branches in the vacus nerve back into contact and integrate. So quite a big bar at….

Milena Preradovic: And I always thought I was tired when I yawned. No, but I want to integrate this into my everyday life now. Thank you very much, Dr. Wichtmann. That was highly exciting. So, we learned what we might have, that is, what kind of mode we are running in, that it is very, very unhealthy, that it can make you dependent, that you can go into withdrawal and that education is very, very important. That you know in the first place that this is not reality, but emergency mode. Thank you very much for being there.

Dr. Ulrike Wichtmann: Yes, thank you, Ms. Preradovic.

Milena Preradovic: Well, folks, we need resilience. Resilience. Personally, I’ve noticed in the past two years, I’ve actually become more anxiety-free. Probably because I live more in the now. The past is far away and the future? Well, it’s probably never been as uncertain as it is today. So let’s enjoy what we have and strengthen ourselves for what is coming. I wish you a good time until soon.

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4 Kommentare

  1. Alexander Voss

    ein tolles Interview! lieben Dank Frau Preradovic und an Kontrafunk. bitte weiterhin so tolle Gäste wie Frau Doktor Wichmann.

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  2. Devapriya

    Meisterstück der Interview-Kunst!
    Die kompetente und medienscheue Partnerin hatte viel zu geben, als Sie sie auf die richtige inspirierende Art danach fragten.
    Beim Gähnen – tatsächlich ein grandioses Balance-Tool unseres Body-Mind-Mechanism – war die Begeisterung präsent und die Scheu verschwunden.
    Herzlichen Dank, Milena, good job, even better than usual. Manche Gäste sind schwierig, aber wertvoll <3

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  3. clown

    wenn ich ma schwurbeln darf,würd ich tippen das die nächste panik mit polio geschürt wird.was dann vieleicht zur selffullfilling usw. führt,wenn man vor angst gelähmt is und denkt man hat kinderlähmung.

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  4. clown

    ich glaub beim summen passiert das selbe wie beim gähnen.sg

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