Ein Land stürzt ab. Insolvenzen auf dem höchsten Stand seit 20 Jahren. Schwer betroffen ist der Mittelstand. Teure Energie, globale Zwänge, Zerstörung der Industrie, mehr als 60 Milliarden Euro für überflüssige Bürokratie. Soziologe und Autor Dr. Ulrich Gausmann hat aus vielen „kleinen“ Lösungen ein Modell entwickelt, das den Mittelstand aus der Misere holen soll. Stichwort „Regionale Wirtschaftsgemeinschaften“. Der Autor des Buchs „Wem die Welt gehören könnte – Eigentum in der Regionalgesellschaft“ ist überzeugt: „Konkurrenz belebt das Geschäft – Kooperation sichert das Überleben“.
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Interview mit Dr. Ulrich Gausmann (deutsch)
Milena Preradovic: Deutschland im freien Fall. Die Zahl der Insolvenzen hat den höchsten Stand seit 20 Jahren erreicht. Fast 50 Betriebe gehen täglich pleite. Reaktion der Regierung: Das Statistische Bundesamt verschweigt ab jetzt wichtige Insolvenzzahlen. Besonders unter Druck steht der Mittelstand durch teure Energie und mehr als 60 Milliarden Euro Belastung durch überflüssige Bürokratie. Und die Insolvenzzahlen sind ohnehin nur die Spitze des Eisbergs. Viele Betriebe geben einfach auf und tauchen in keiner Statistik auf. Mein Gast ist allerdings überzeugt: Wir können den Trend drehen. Stichwort regionale Wirtschaftsgemeinschaft. Das klingt klein, aber auch nach einer großen Alternative zur globalen Finanzmarktlogik. Freischwimmen – jetzt in Punkt Preradovic. Hallo Dr. Ulrich Gausmann, schön, dass du da bist.
Dr. Ulrich Gausmann: Vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich.
Milena Preradovic: Ich mich auch. Ich stelle dich kurz vor: Du bist Sozialwissenschaftler, hast Geschichte, Soziologie, Politik- und Wirtschaftswissenschaften studiert, bist außerdem Buchhändler und Autor. Deine Interessenschwerpunkte sind Kapitalismusanalyse und -kritik, die Soziologie sozialer Bewegungen sowie politische Gegenwartsfragen in der Corona-Zeit. Du bist früh kritisch geworden und hast gemerkt, dass viele Menschen sich fragen, wie eine wirtschaftlich sichere und menschlichere Zukunft aussehen kann. Wir haben bereits über dein Buch „Wirtschaft und Finanzen neu gedacht“ gesprochen. Jetzt hast du zusammen mit Peter Schmuck quasi das Nachfolgebuch geschrieben: „Wem die Welt gehören könnte. Eigentum in der Regionalgesellschaft“. Es richtet sich vor allem an den krisengeschüttelten Mittelstand, dem du auch mit deiner Utopie-Akademie, die du gegründet hast und leitest, Lösungen für Gegenwart und Zukunft anbietest. Fangen wir an: Wenn die Regierung gefragt wird, warum die deutsche Wirtschaft und der Mittelstand in einer so großen Krise stecken, lauten die üblichen Antworten: Trump, Zölle, Putin, Krieg – und sogar Corona wird heute noch als Schuldiger genannt. Siehst du bei dieser Regierung, bei diesem System Lösungen für den Absturz des Landes, um ihn aufzuhalten?
Dr. Ulrich Gausmann: Ich sehe keine Lösungen, weil sie offensichtlich nicht gewollt sind. Die große politische Richtung geht in eine ganz andere Richtung. Sie geht – man kann es nicht anders sagen – in Richtung Zerstörung der Industrie und damit auch in Richtung Zerstörung des Mittelstandes, der vielfach an der Industrie hängt. Damit sind wir mitten im Thema. Die entscheidende Frage ist: Wie geht es jetzt weiter?
Milena Preradovic: Wenn nichts passiert und alles so weiterläuft – wo landen wir dann?
Dr. Ulrich Gausmann: Das ist eigentlich eine Frage an Prognostiker. Wenn man die Entwicklung jedoch linear fortschreibt, führt das zu einem mehr oder weniger stillen Tod des Mittelstandes in großem Umfang. Das lässt sich bereits an den letzten Insolvenzzahlen erkennen. Sie steigen kontinuierlich. Ich habe gelesen, dass das Statistische Bundesamt die Seite mit den aktuellen Insolvenzzahlen abgeschaltet hat. Vielleicht war es ein technischer Fehler, vielleicht auch Absicht.
Milena Preradovic: Absicht.
Dr. Ulrich Gausmann: Damit es nicht ganz so dramatisch aussieht. Der Mittelstand steckt in einer Zange: von oben durch Energiekosten, Regulierungskosten, Großkonzerne und vor allem die Plattformökonomie, die erhebliche Probleme verursacht. Und von unten durch die eigene wirtschaftliche Bedrohung, die unsichere Versorgung und die Zukunft der Firma selbst – einschließlich der Mitarbeiter. Von beiden Seiten entsteht Druck. Wir verlieren Wirtschaftskraft, nicht nur abstrakt, sondern ganz konkret. Und wir verlieren demokratische Substanz, weil sich mit der Verschiebung wirtschaftlicher Kräfteverhältnisse auch politische Macht verschiebt. Beides greift ineinander. Hinzu kommen Diskussionen über Lastenausgleich, Enteignungspläne und Ähnliches. Darauf kommen wir vielleicht noch zu sprechen.
Milena Preradovic: Richtig. Aber zunächst zu möglichen Lösungen. Du hast zusammen mit Peter Schmuck ein Drei-Säulen-Modell der regionalen Wirtschaftsgemeinschaft entwickelt, das den Mittelstand aus der Misere holen soll. Säule Nummer eins beschäftigt sich damit, privates Unternehmenseigentum zu schützen. Das ist höchste Eisenbahn. Ein Staat auf dem Weg in die Aufrüstung – und da stehen wir gerade – braucht viel Geld, und meistens ist es unser Geld. Die SPD will die Erbschaftsteuer neu ordnen und zeigt Unternehmer auf Plakaten als dekadenten Chihuahua im Stil von Marie Antoinette mit Champagner und Geldbündeln – der Unternehmer als Feindbild. Da fragt man sich: Wie können mittelständische Unternehmer ihr Geld und ihren Betrieb schützen, auch über Generationen hinweg?
Dr. Ulrich Gausmann: Das ist ein zentrales Thema im Rahmen dieses Drei-Säulen-Modells. Säule eins betrifft das private und das Unternehmenseigentum, das häufig personenidentisch ist. Die erste Maßgabe ist, Privates und Geschäftliches voneinander zu trennen. Das ist oft nicht der Fall. Häufig ist alles miteinander vermischt: Das private Haus gehört beiden Ehepartnern, die Firma ebenfalls, die Maschinen ebenso. Wenn dann ein wirtschaftlicher Schlag eintritt, greift das bis ins Privatvermögen durch. Deshalb sollte man beides sauber voneinander trennen, um Risiken zu entkoppeln und das Private zu schützen.
Es gibt bekannte krisenfeste Rechtsformen. Die GmbH ist häufig nicht geeignet, weil es Gesellschafter gibt, auf die im Insolvenzfall zugegriffen werden kann. Alternativen sind Vereine – sowohl eingetragene als auch nicht eingetragene, auch in gemeinnütziger Form – sowie Stiftungen. Diese Instrumente sind jahrhundertealt. Solange es organisierte Gesellschaften gibt, gibt es diese Formen. Mit ihnen lässt sich Eigentum rechtssicher und solide schützen.
Milena Preradovic: Und Stiftungen? Lohnt sich das auch für einen kleineren mittelständischen Betrieb? Das klingt immer nach etwas sehr Großem.
Dr. Ulrich Gausmann: Bei dem Begriff Stiftung denken viele an große Organisationen wie die Bertelsmann Stiftung. Aber das gilt auch für kleinere Betriebe. Man muss im Einzelfall prüfen, ob sich der Gründungsaufwand im Verhältnis zum Nutzen lohnt. Das ist immer eine betriebswirtschaftliche Abwägung. Es gibt beispielsweise privatnützige Stiftungen, etwa Treuhandstiftungen, die öffentlich kaum bekannt sind. Bekannt sind vor allem die gemeinnützigen Stiftungen. Tatsächlich gibt es eine große Zahl von Menschen, die privatnützige Stiftungen nutzen.
Milena Preradovic: Würde eine Stiftung auch vor einem möglichen Lastenausgleich oder vor Enteignung schützen? Das ist ja ein Thema, das immer wieder diskutiert wird.
Dr. Ulrich Gausmann: Das Lastenausgleichsgesetz von 1952 ist weiterhin geltendes Recht, wenn auch reformiert. Darin ist geregelt, was betroffen ist und was nicht. Ausgenommen sind beispielsweise Staatsvermögen wie Straßen, Wälder oder Schulen, außerdem die beiden großen Konfessionskirchen – nicht jedoch freikirchliche Gemeinden – sowie gemeinnützige Einrichtungen. Diese sind in § 18 ausdrücklich genannt. Gemeinnützige Stiftungen und Vereine fallen darunter. Auch eine besondere Form der Betriebsrente, die Unterstützungskasse, ist von entsprechenden Maßnahmen ausgenommen.
Milena Preradovic: Das klingt nach konkreten Informationsmöglichkeiten. Kommen wir zu Säule zwei. Dabei geht es um den Aufbau einer gemeinsamen Infrastruktur, um finanzielle Belastungen und Risiken zu reduzieren. Wie muss ich mir das vorstellen?
Dr. Ulrich Gausmann: Die Idee ist, dass sich Unternehmen zusammenschließen und gemeinschaftliches Eigentum bilden. Beispielsweise bei teuren Produktionsmitteln wie Maschinen, Fahrzeugen oder Großgeräten, die nicht dauerhaft ausgelastet sind. Statt dass jeder Betrieb selbst investiert und einen Kredit aufnimmt, könnte eine gemeinsame Gesellschaft – etwa eine Genossenschaft – diese Güter erwerben. Die einzelnen Unternehmen mieten sie bei Bedarf. So vermeidet man hohe Investitionen und Kreditbelastungen mit Zins und Tilgung.
Das Modell lässt sich auch auf Gebäude und Grundstücke übertragen, etwa durch Erwerb über Stiftungen und anschließende Verpachtung im Rahmen einer 99-jährigen Erbpacht. Dadurch entfallen klassische Bankdarlehen. Praktische Beispiele sind die Trias-Stiftung in Hattingen, die seit 2002 Grundstücke kauft und bebaut – vor allem für Wohnzwecke, aber auch gewerblich – oder die Genossenschaft Zviček in Bayern.
Darüber hinaus sind gemeinsame Ausbildungseinrichtungen oder Transportlösungen denkbar. Ziel ist Kooperation: Kosten werden verteilt, große Einzelinvestitionen vermieden, und dennoch bleibt die Verfügungsmacht bei den Beteiligten.
Milena Preradovic: Und wenn ich mir so eine Maschine miete – bin ich dann gleichzeitig Miteigentümer oder nicht?
Dr. Ulrich Gausmann: Nein.
Milena Preradovic: Ich habe ja schließlich auch dafür bezahlt, oder nicht?
Dr. Ulrich Gausmann: Nein, eben nicht. Eigentümer ist die Gesellschaft, die die Maschine anschafft. Man selbst ist an dieser Gesellschaft beteiligt. Das ist der entscheidende Punkt.
Milena Preradovic: Alles klar. Und das gibt es bereits, das funktioniert?
Dr. Ulrich Gausmann: Das funktioniert reibungslos. Es ist vielleicht nur nicht weit genug bekannt. Aber es funktioniert. In Bayern kann man sich etwa bei Zviček oder bei einer Maschinenbaugenossenschaft informieren. Auch bei der Stiftung Trias in Hattingen gibt es entsprechende Informationen im Internet. Das sind Beispiele, die seit 2002 laufen – also seit fast 25 Jahren.
Milena Preradovic: Gerade jetzt, wo es für den Mittelstand richtig prekär wird, könnte so ein Modell populärer werden. Du hast in deinem Buch viele Beispiele aufgeführt, das möchte ich den Zuschauern ans Herz legen. Was könnte man noch gemeinsam organisieren? Könnten kleinere Handwerksbetriebe zum Beispiel Werkstätten gemeinsam anmieten?
Dr. Ulrich Gausmann: Genau. Man könnte Werkstätten gemeinsam anmieten, und für Maschinen gilt dasselbe. Der Mittelstand hat ein klassisches Problem: Er ist stark kreditfinanziert und verfügt meist nicht über große Rücklagen. Gerade in den ersten Jahren reichen die Rücklagen nicht für größere Investitionen. Dann führt der Weg zwangsläufig zur Bank. Bei Grundstücken und Gebäuden ist das ohnehin der Fall, weil die Volumina hoch sind. Bei Maschinen ebenfalls.
Dann arbeitet man Jahr für Jahr gegen die Bank, um Zins und Tilgung zu bedienen – immer in der Annahme, dass die Konjunktur stabil bleibt und die Auftragslage gut ist. Bricht die Konjunktur jedoch ein, ist das der Bank gleichgültig. Es gibt einen Kreditvertrag, Sicherungsübereignungen, Grundschulden im Grundbuch. Im Zweifel werden die Sicherheiten verwertet.
Milena Preradovic: Genau. Und man zahlt ja zunächst vor allem Zinsen. Man tilgt am Anfang kaum, sondern bedient erst einmal viele Jahre lang Zinsen.
Dr. Ulrich Gausmann: Am Anfang zahlt man in jedem Fall mehr Zinsen als Tilgung. Das ist systemimmanent.
Milena Preradovic: Ein großes Problem für den Mittelstand – und natürlich auch für die Industrie. Ein weiteres enormes Problem sind die Energiekosten. In unserem letzten Interview haben wir über Energiedörfer gesprochen. Gibt es im Bereich Energiesouveränität konkrete Beispiele, die verschiedene Branchen des Mittelstands entlasten können?
Dr. Ulrich Gausmann: Ja, unbedingt. Energie ist ein zentrales Thema. Neben den Energiewendedörfern, über die wir gesprochen haben – davon gibt es inzwischen deutlich mehr, etwa 900 bis 950 in Deutschland – existieren zahlreiche Modelle regionaler Energieproduktion. Die Quellen sind unterschiedlich: häufig erneuerbare Energien, Biomasse oder andere regionale Ressourcen.
Auf unserer Akademietagung im März war ein Bürgermeister aus Bayern, der ein Energiewendedorf aufgebaut hat und erläutert hat, wie man das gemeinsam mit Bürgern und Unternehmen realisieren kann. Beide profitieren davon. Interessant ist, dass man solche Modelle auch ohne EEG-Förderung umsetzen kann. Es gibt zahlreiche funktionierende Beispiele.
Milena Preradovic: Wie viel günstiger wird es dadurch?
Dr. Ulrich Gausmann: Ich nenne ein etwas älteres Beispiel aus Feldheim bei Berlin. Dort kostet die Kilowattstunde Strom etwa 12 Cent. Der Marktdurchschnitt liegt bei rund 35 bis 37 Cent. Das ist also ungefähr ein Drittel. Die Wärme kostet etwa 7,5 Cent pro Kilowattstunde.
Milena Preradovic: Das ist eine enorme Ersparnis.
Dr. Ulrich Gausmann: Ja, und man hat die Energieversorgung in eigener Hand, weil sie vor Ort erzeugt und gesteuert wird. Meistens sind Genossenschaften die Träger – mit Bürgern und Unternehmen als Mitgliedern.
Ich war im vergangenen Jahr in der Nähe von Münster in Westfalen in einer Stadt, die ein solches Energiewendemodell umgesetzt hat. Die Anschlussquote der Bevölkerung ist hoch, es gibt Gewerbegebiete, und die Nachfrage nach Flächen ist enorm, weil der Strom so preiswert ist. Gerade energieintensive Betriebe profitieren sofort davon. Die Gemeinde ist schuldenfrei, erzielt Überschüsse und verkauft sogar Strom an Münster und Osnabrück, den sie selbst nicht benötigt.
Milena Preradovic: Das klingt nach einem klaren Standortvorteil. Aber funktioniert das eher auf dem Land? Der Begriff lautet ja Energiedorf. Gibt es auch Modelle für Großstädte, oder ist das schwieriger?
Dr. Ulrich Gausmann: Es ist schwieriger, weil man Flächen benötigt. In der Innenstadt von Frankfurt ist das nicht umsetzbar. Am Stadtrand oder in größeren Gemeinden hingegen schon. Viele dieser sogenannten Dörfer haben 2.000, 3.000 oder sogar 10.000 Einwohner – das sind längst keine kleinen Dörfer mehr.
Mehrere Gemeinden können sich auch zusammenschließen. Und man kann überschüssige Energie weiterverkaufen. Den gesamten Energiebedarf Deutschlands ließe sich damit nicht vollständig decken, aber ein erheblicher Anteil regionaler Versorgung ist möglich. Und da der Mittelstand überwiegend regional tätig ist, passt das strukturell sehr gut. Die Ressourcen müssen vor Ort oder zumindest in erreichbarer Nähe verfügbar sein.
Milena Preradovic: Der Mittelstand ist häufig ländlich verankert. Selbst große Weltmarktführer sitzen in Baden-Württemberg oft auf dem Land. Aber bei all dem braucht es auch ein Umdenken: weg vom Konkurrenzdenken – der Tischler nebenan, die Bäckerei um die Ecke – hin zu Kooperation. Und selbst in kleinen Vereinen gibt es oft Streit. Ich kenne das aus meinem früheren Tennisclub. Wie kann man solchen Konflikten vorbeugen?
Dr. Ulrich Gausmann: Zunächst braucht es Gespräche. Wer im reinen Konkurrenzdenken sozialisiert wurde, muss irgendwann erkennen, dass Kooperation eine Alternative ist. Kooperation bedeutet, gemeinsam zu überlegen: Wer kann mit wem was machen? Was nützt allen Beteiligten?
Mit dem Begriff „Netzwerk“ kann ich wenig anfangen, er bleibt oft abstrakt. Kooperation hingegen ist konkret. Natürlich gibt es in jeder sozialen Gruppe Reibungen. Viele Unternehmer sind es gewohnt, allein zu entscheiden. Wenn dann fünf starke Persönlichkeiten zusammenkommen, will jeder führen.
Das lässt sich jedoch begleiten und moderieren. Man kann Regeln vereinbaren, auf die sich alle einigen. Coaching und Beratung können helfen. Die bestehenden Beispiele zeigen, dass es über lange Zeiträume funktioniert. Natürlich kann es auch scheitern, wenn es menschlich gar nicht passt. Aber das liegt in der Hand der Beteiligten.
Milena Preradovic: Richtig, man hat es selbst in der Hand, während man jetzt oft völlig hilflos dasteht. Manche sagen vielleicht: „Und dann entsteht wieder eine Haftungsgemeinschaft, irgendwann übernehmen die Starken das Kommando.“ Es muss doch überschaubar bleiben, oder? Also nicht zu groß werden?
Dr. Ulrich Gausmann: Zunächst ist alles dezentral organisiert. Zweitens ist es selbstorganisiert. Die Beteiligten entscheiden selbst. Der Staat spielt höchstens eine unterstützende Rolle. Der Wettbewerb bleibt bestehen, aber er ist fair und nicht vernichtend. Und das Ganze ist freiwillig.
Es gibt dort keine Funktionäre, keine Lobbyisten von Großkonzernen, die plötzlich alles bestimmen. Es ist keine Planwirtschaft. Falls jemand diese Sorge hat: unbegründet. Wobei man auf der anderen Seite sehen muss, dass EZB und Regierung permanent planen.
Milena Preradovic: Im Grunde haben wir ja bereits eine Planwirtschaft. Das hier wäre eher eine Verteidigung dagegen.
Dr. Ulrich Gausmann: Genau. Es ist eine Planwirtschaft durch Konzerne. Ich habe kürzlich eine Schlagzeile im Zusammenhang mit Aufrüstung und Kriegswirtschaft gelesen. Dort wurde gesagt, man müsse sich im Zuge der Umstellung auf Kriegswirtschaft auch auf planwirtschaftliche Elemente einstellen. Das stammt nicht von mir, sondern aus militärischen Kreisen.
Milena Preradovic: Wenn in Autokonzernen plötzlich Panzer gebaut werden. Beim Wort Genossenschaft denken manche sofort: „Um Gottes willen, Sozialismus.“ Braucht man vielleicht ein neues Wort?
Dr. Ulrich Gausmann: Der Begriff ist historisch und stammt aus dem 19. Jahrhundert. Er hat nichts mit Sozialismus zu tun, sondern geht auf Persönlichkeiten wie Friedrich Wilhelm Raiffeisen oder Hermann Schulze-Delitzsch zurück. Das waren konservative, christlich geprägte Politiker. Es gibt auch andere Traditionen, etwa in der Weimarer Republik, aber das ist keine einlinige Entwicklung.
Man sollte sich von Begriffen nicht irritieren lassen. Entscheidend ist der Inhalt. Man kann es auch soziale Wirtschaftsgemeinschaft nennen oder anders – wichtig ist, was man konkret daraus macht.
Milena Preradovic: Welche Branchen können von regionalen Wirtschaftsgemeinschaften am meisten profitieren?
Dr. Ulrich Gausmann: Das sind viele Bereiche. Wir haben das Handwerk bereits erwähnt – klein, mittel, auch groß. Dann Maschinen, Energie, Ausbildungsverbünde, Landwirtschaft. Solidarische Landwirtschaft nimmt stark zu, es gibt inzwischen über 500 Initiativen. Hinzu kommen Direktvermarktung, gemeinsame Verarbeitung, Einzelhandel, gemeinsame Online-Präsenz und Logistik. Auch regionale Währungssysteme sind denkbar.
Die Energiewirtschaft ist ein Wachstumsfeld, ebenso der Bereich Gesundheit und insbesondere Pflege. Wir brauchen sehr viele Pflegekräfte, gleichzeitig explodieren die Kosten.
Milena Preradovic: Welche Lösungen gibt es dort?
Dr. Ulrich Gausmann: Auf unserer Akademie im März stellen wir ein Modell vor, bei dem rund um eine gemeinnützige Stiftung ambulante Pflege organisiert wird. Gemeint sind ältere Menschen, die noch nicht stationär pflegebedürftig sind, aber aufgrund von Alter oder Erkrankung eingeschränkt sind.
Das Modell erinnert an die Gemeindeschwester früherer Zeiten. In den 1980er-Jahren gab es die Fernsehserie „Schwester Agnes“ – die Gemeindeschwester, die mit dem Moped durch die Dörfer fuhr und eng mit dem Hausarzt zusammenarbeitete. So ähnlich kann man sich das vorstellen. Ambulante Pflege mit allen Vorteilen: Die Menschen bleiben in ihren Wohnungen, werden versorgt, die Finanzierung erfolgt über die Pflegekasse.
Milena Preradovic: Aber gibt es das nicht bereits? Funktioniert das bestehende System nicht auch so?
Dr. Ulrich Gausmann: Es gibt ambulante Pflege, ja. Das hier orientiert sich jedoch an einem anderen Modell, das aus den Niederlanden stammt: Buurtzorg. Dort haben sich vor etwa 15 Jahren Pflegekräfte aus dem bestehenden System gelöst, selbstständig gemacht und selbstorganisiert. Flache Hierarchien, eigenständige Festlegung von Arbeitszeiten und Gehältern. Sie starteten zu viert, heute sind es über 15.000 Mitarbeitende. Sie sind Marktführer in den Niederlanden, mehrfach als bester Arbeitgeber ausgezeichnet und arbeiten in autonomen Teams.
Das ist eine andere Form von Pflege und Fürsorge. Wenn Menschen in ihren Gemeinden bleiben können, profitiert auch die Region: Kaufkraft bleibt vor Ort, Dörfer veröden nicht. Dienstleistungen entstehen rundherum. In einem konkreten Beispiel sagte der Bäcker: „Ich mache ein Pflegebrötchen, ein Cent pro Brötchen geht an die Stiftung.“ Ein Winzer brachte einen Pflegewein mit eigenem Etikett heraus, ein Teil des Erlöses fließt in die Stiftung. Andere entwickeln eigene Produkte. Es entsteht ein regionales Engagement, weil es jeden treffen kann.
Milena Preradovic: Da sieht man: Wenn alle zusammenhalten und nicht nur auf den Staat schauen, kann man selbst etwas bewegen. Spannend ist die Kostenfrage, denn gerade in der Pflege explodieren sie.
Dr. Ulrich Gausmann: Vor wenigen Tagen wurden Zahlen des Bundesverbandes der Ersatzkassen veröffentlicht: Die monatliche Eigenbeteiligung in der stationären Pflege liegt nach Zuschüssen zwischen 3.500 und 5.000 Euro. Das ist faktisch unbezahlbar.
Wenn jemand beispielsweise nach einem Schlaganfall ins Pflegeheim muss, wird das Vermögen herangezogen. In Deutschland gilt ein Schonvermögen von rund 10.000 Euro sowie ein monatliches Einkommen von etwa 500 Euro. Alles darüber hinaus wird eingesetzt. Nach jahrzehntelanger Berufstätigkeit oder Erziehungsarbeit kann man damit wirtschaftlich vollständig abstürzen.
Das führt zu großer Angst. Ich kenne einen Fall einer 75-jährigen Witwe mit kleinem, abbezahltem Haus und geringer Rente. Ihre Sorge war: Wenn mir etwas passiert, verliere ich alles. Und genau das droht.
Mit regional organisierten, ambulanten Modellen lässt sich gegensteuern.
Milena Preradovic: Wenn man das regional organisiert und viele mitmachen, senkt man die Kosten und verhindert solche Vermögensverluste?
Dr. Ulrich Gausmann: Man kann sie zumindest deutlich hinauszögern oder durch entsprechende Konstruktionen vermeiden. In funktionierenden sozialen Gemeinschaften kennt man sich, ist miteinander verbunden. Das ist in kleineren Gemeinden oft anders als in anonymen Großstädten. Die Handlungsspielräume sind größer, wenn man nicht isoliert ist.
Milena Preradovic: Gehen wir über die Pflege hinaus. Thema Gesundheit: Krankenkassen stehen finanziell unter Druck, Krankenhäuser schließen, gerade im ländlichen Raum wird die Versorgung schwieriger. Facharzttermine dauern Monate. Die Sozialabgaben könnten in den nächsten Jahren auf 50 Prozent steigen. Was lässt sich jenseits des staatlichen Systems verbessern?
Dr. Ulrich Gausmann: Das Grundprinzip bleibt gleich: regionale Verbünde aufbauen, um möglichst viele lebenswichtige Bereiche in eigene Verantwortung zu bringen. Pflege, Ernährung, Wohnen, Transport, Handwerk, IT – wir zeigen im Buch elf Bereiche mit bereits existierenden Praxisbeispielen. Das ist nichts Erfundenes.
Eine regionale Ökonomie ersetzt nicht die Weltwirtschaft. Aber sie kann die unmittelbaren Lebensnotwendigkeiten absichern. Und genau dort liegt die Zukunft. Die gegenwärtigen globalen Strukturen bieten für viele Menschen keine tragfähige Perspektive mehr.
Milena Preradovic: Das ist im Grunde ein libertärer Ansatz: wenig Staat, selbst in die Hand nehmen und machen. Am Ende kommt ihr alle irgendwo dort zusammen.
Dr. Ulrich Gausmann: Es hat gewisse Berührungspunkte. Aber es ergibt sich schlicht aus der Lage. Es ist folgerichtig.
Milena Preradovic: Folgerichtig wäre dann auch, eigene Finanzstrukturen aufzubauen – vielleicht sogar eigene Banken, wenn man schon regionale Wirtschaftsgemeinschaften gründet. Wie sieht es in diesem Bereich aus?
Dr. Ulrich Gausmann: Auch darüber denken wir nach. Es gibt solche Ansätze bereits – allerdings nicht als klassische Bank mit BaFin-Zulassung, Einlagen- und Kreditgeschäft im üblichen Sinn. Eine Bank braucht man in erster Linie für Kredite. Historisch sind Banken als Kreditinstitute entstanden.
Finanzierung lässt sich jedoch auf verschiedenen Wegen organisieren. Bleiben wir bei Genossenschaften oder Vereinen: Mitglieder können Geschäftsanteile zeichnen. Das kennt man von Volksbanken – wer dort Kunde ist, ist formal Genosse. Man könnte zudem Direktkredite von Dritten an Genossenschaften oder Vereine organisieren. Auch kleinere Bankkredite bleiben möglich.
Im betrieblichen Bereich gibt es darüber hinaus eine hochinteressante Finanzierungsquelle, die viele Unternehmen noch kaum nutzen.
Milena Preradovic: Welche ist das?
Dr. Ulrich Gausmann: Die sogenannte pauschal dotierte Unterstützungskasse. Sie ist in § 4d Einkommensteuergesetz geregelt. Seit einigen Jahren müssen Arbeitgeber ihren Mitarbeitern eine betriebliche Altersvorsorge anbieten. Die Beschäftigten müssen sie nicht annehmen, aber das Angebot ist verpflichtend.
In der Praxis läuft das häufig über Versicherungsverträge – Direktversicherung oder ähnliche Modelle. Das Geld fließt zur Versicherung, bleibt dort gebunden, und nach Jahrzehnten stellt man fest, dass die Rendite überschaubar ist.
Bei der Unterstützungskasse wird ebenfalls eine Rentenzahlung zwischen Unternehmen und Mitarbeitenden vereinbart. Es werden Beiträge eingezahlt, vom Unternehmen und optional von den Beschäftigten. Der Unterschied: Das Kapital wird nicht an eine Versicherung abgegeben, sondern bleibt im Unternehmen beziehungsweise im Einflussbereich. Es kann in Sachwerte investiert werden – Immobilien, Edelmetalle, gesicherte Darlehen.
Die Erträge, die über die Rentenverpflichtung hinausgehen, stehen dem Unternehmen zur Verfügung. Das schafft Liquidität und zusätzliche Ertragsquellen. Im Grunde entsteht eine Art eigene Bank im Unternehmen.
Milena Preradovic: Verstehe.
Dr. Ulrich Gausmann: In Großunternehmen oder im Profisport ist das verbreitet. Im Mittelstand hingegen wird oft der klassische Versicherungsweg gewählt.
Milena Preradovic: Wir müssen uns also stärker mit solchen Instrumenten beschäftigen. Vielleicht kannst du das Ganze einmal konkret machen. Nehmen wir einen Bäcker – kleine Bäckereien stehen ja massiv unter Druck. Wie könnte so ein regionales Modell dort aussehen?
Dr. Ulrich Gausmann: Nehmen wir einen fiktiven, aber realitätsnahen Fall: ein Bäcker mit zwölf Mitarbeitenden – Produktion und Verkauf. Vor einigen Jahren stand er wirtschaftlich unter Druck. Energiekosten von 4.000 Euro im Monat, starke Konkurrenz durch Discounter, Nachwuchsprobleme und keine gesicherte Nachfolge.
Nun könnte Folgendes geschehen: Er beteiligt sich an einer regionalen Energiegenossenschaft und bezieht Strom aus einer Photovoltaikanlage, die über die Genossenschaft organisiert ist. Wenn 70 Prozent des Eigenverbrauchs gedeckt werden, könnten die Energiekosten beispielsweise von 4.000 auf 2.000 Euro sinken.
Zweitens gründet man eine Verbrauchergenossenschaft mit 200 festen Kunden. Diese erhalten regelmäßig Backwaren, der Absatz ist planbar, Zwischenhändler entfallen, Preise sind kalkulierbar.
Drittens entsteht ein Ausbildungsverbund mit anderen Betrieben, um Ausbildungskosten zu teilen.
Viertens wird eine Unterstützungskasse eingerichtet. Nach drei Jahren könnten beispielsweise 65.000 Euro Kapital aufgebaut sein. Für die Rentenverpflichtung benötigt man vielleicht 18.000 Euro, der Rest steht dem Unternehmen als Liquidität zur Verfügung. Ein Teil davon kann als Darlehen genutzt werden, um neue Öfen anzuschaffen.
Parallel wird die Umwandlung in eine Stiftung vorbereitet.
Milena Preradovic: Warum ist damit die Nachfolge geregelt?
Dr. Ulrich Gausmann: Weil die Stiftung Eigentümerin der Bäckerei oder der dazugehörigen Immobilien wird. Eine Stiftung kennt keinen Erbfall wie eine natürliche Person. Es gibt keinen Vermögensabfluss durch Erbschaft. Personen wechseln, aber das Vermögen bleibt gebunden und erhalten.
Milena Preradovic: Das würde dem Bäcker also eine echte Überlebensperspektive geben. Eine Branche, die ebenfalls massiv leidet, ist die Landwirtschaft. Wenn Abkommen wie Mercosur greifen, kommt günstiges Fleisch aus Südamerika auf den Markt, während unsere Bauern hohe Auflagen erfüllen müssen. Wie kann ein Landwirt Sicherheit gewinnen?
Dr. Ulrich Gausmann: Im Prinzip gilt dasselbe Muster. Erstens: regional kaufen. Wochenmärkte, Bauernmärkte – das ist ein direktes Votum für regionale Landwirtschaft.
Zweitens: solidarische Landwirtschaft, sogenannte Solawis. Davon gibt es inzwischen über 500 in Deutschland, es könnten deutlich mehr sein. Verbraucher finanzieren die Produktion vor, der Landwirt erhält Planungssicherheit.
Drittens: genossenschaftliche Verarbeitung – regionale Molkereien, Schlachtereien, Mühlen. Wertschöpfung bleibt in der Region, Zwischenstufen werden verkürzt, Abhängigkeiten reduziert.
Es geht immer darum, Produktion, Verarbeitung und Konsum wieder stärker regional zu verankern. Das schafft Stabilität – wirtschaftlich und sozial.
Milena Preradovic: Gibt es ja oft schon.
Dr. Ulrich Gausmann: Ja, solche Strukturen gibt es bereits. Es könnten aber deutlich mehr sein. Was Mercosur betrifft: Das können wir im Moment nicht direkt beeinflussen. Die Bauern haben protestiert, das Abkommen ist zumindest auf Warteposition. Es ist noch nicht beschlossen.
Milena Preradovic: Friedrich Merz hat allerdings gesagt, er wolle es trotzdem vorantreiben.
Dr. Ulrich Gausmann: Solche Aussagen gibt es immer wieder. Aber man muss sich auch von dem Narrativ verabschieden, das billigste Produkt sei automatisch das beste. Das stimmt nicht. Wenn ein Kilo Rindfleisch 4,99 Euro kostet, zahlen wir den wahren Preis an anderer Stelle – bei Tierwohl, Umwelt, Arbeitsbedingungen und Einkommen der Bauern. Ein realistischer Preis für ein Kilo Rindfleisch liegt eher zwischen 20 und 25 Euro.
Milena Preradovic: Wir müssen also umdenken. „Geiz ist geil“ war vielleicht in den 90er-Jahren ein Motto, heute passt es nicht mehr. Jetzt fragt sich mancher Mittelständler: Klingt gut – aber wie anfangen? Und da kommst du mit deiner Utopie-Akademie ins Spiel. Was genau bietet ihr an und für wen ist das gedacht?
Dr. Ulrich Gausmann: Die Akademie ist eine Praxiswerkstatt für Mittelständler. Sie richtet sich an Unternehmer, die die Ideen, über die wir sprechen, konkret umsetzen wollen.
Wir bieten Fachvorträge zu Themen wie Energie, Eigentumssicherung, Finanzierung oder Kooperation. Vor allem aber arbeiten wir in Workshops und Arbeitsgruppen an den konkreten Fragen der Teilnehmer – nicht an dem, was wir für wichtig halten, sondern an dem, was sie bewegt.
Die Gruppe ist bewusst auf etwa 25 Mittelständler begrenzt, damit intensiv gearbeitet werden kann. Über dreieinhalb Tage entsteht eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre. Am Ende geht jeder Teilnehmer mit einem konkreten Zwölfmonatsplan nach Hause: Wer macht was, wann, mit wem?
Anschließend gibt es eine sechsmonatige kostenlose Online-Nachbetreuung mit Erfahrungsaustausch. Zudem sind Kammerberufe vertreten – Steuerberater, Anwälte – und vor allem Praktiker, die bereits erfolgreiche Modelle umgesetzt haben.
Milena Preradovic: Das heißt, ihr helft auch bei der Vernetzung. Viele wissen ja gar nicht, wo sie anfangen sollen oder wer ähnliche Interessen hat.
Dr. Ulrich Gausmann: Genau. Die Akademie findet in der Südpfalz statt, vom 19. bis 22. März. Die Anmeldungen kommen aus Sachsen, Norddeutschland, Bayern – Unternehmer, die sich im Alltag nie begegnen würden.
Im Gespräch entstehen neue Perspektiven. Es gibt den Spruch: Konkurrenz belebt das Geschäft, Kooperation sichert das Überleben. Darum geht es jetzt. Vernetzung und das Kennenlernen bestehender Beispiele. Viele werden überrascht sein, was es bereits gibt.
Milena Preradovic: Man bekommt das kaum mit. Es hat fast etwas von einer Parallelstruktur zum Staat. Hat das seit Corona an Dynamik gewonnen?
Dr. Ulrich Gausmann: Ja, eindeutig. Ein Beispiel: In Deutschland gibt es rund 8.000 Genossenschaften. Die Energiegenossenschaften lagen im Jahr 2000 bei zwei, heute bei rund 950. Das ist ein enormes Wachstum.
Bei solidarischer Landwirtschaft gab es vor 15 Jahren etwa 20 Initiativen, heute über 500. Das Mietshäuser-Syndikat startete 1989 mit einem Projekt, heute sind es über 200. Maschinenringe haben inzwischen rund 190.000 Mitgliedsbetriebe.
Corona hat die Entwicklung beschleunigt. Lieferketten brachen weg, Abhängigkeiten wurden sichtbar. Die Energiekrise und die allgemeine Wirtschaftskrise verstärkten das. Viele Unternehmer sagen: Allein gehe ich unter, gemeinsam habe ich eine Chance.
Milena Preradovic: Und das Vertrauen in die Politik als Problemlöser ist seit Corona ebenfalls gesunken. Wie sieht es international aus? Gibt es vergleichbare Modelle in anderen Ländern?
Dr. Ulrich Gausmann: Ja. In Spanien gibt es die baskische Genossenschaft Mondragon mit rund 80.000 Beschäftigten, eigener Bank und eigener Hochschule. Sie hat die Coronakrise sehr gut bewältigt.
In Italien, im Großraum Bologna, erwirtschaften Genossenschaften etwa 30 Prozent des regionalen Bruttoinlandsprodukts. In Japan gilt das Teikei-Modell als Vorbild für solidarische Landwirtschaft. In der Schweiz befinden sich rund 20 Prozent der Wohnungen in Genossenschaftseigentum.
Es gibt also zahlreiche Beispiele. Aber das Potenzial ist längst nicht ausgeschöpft. Wir bräuchten nicht 200, sondern 2.000 solcher Initiativen. Der Trend ist da, der Prozess läuft.
Milena Preradovic: Viele müssen erst einmal erfahren, dass es das alles gibt. Mir war das vor unserem ersten Gespräch auch nicht bewusst. Ulli, vielen Dank für dieses optimistisch stimmende Gespräch, für deine Ideen und für dein Buch. Darin stecken mindestens drei Interviews, mit vielen Beispielen und Quellen. Vielen Dank, dass du da warst.
Dr. Ulrich Gausmann: Ich danke dir für das Gespräch. Es hat Spaß gemacht.
Milena Preradovic: Wie immer.
Tja Leute, wir müssen ins Handeln kommen. Raus aus der Ohnmacht, raus aus der Erwartung, dass der Staat alles löst. Wenn wir selbst Projekte starten und Verantwortung übernehmen, verändert das auch etwas im Kopf und im Gefühl. Wer handelt, fühlt sich nicht machtlos. Ich wünsche euch eine gute Zeit. Bis bald.
Interview with Dr. Ulrich Gausmann (english)
Milena Preradovic: Germany in free fall. The number of insolvencies has reached its highest level in 20 years. Almost 50 businesses go bankrupt every day. The government’s response: the Federal Statistical Office is now concealing important insolvency figures. Small and medium-sized businesses are under particular pressure due to expensive energy and more than €60 billion in unnecessary bureaucracy. And the insolvency figures are only the tip of the iceberg anyway. Many businesses simply give up and do not appear in any statistics. However, my guest is convinced that we can reverse the trend. The keyword is regional economic community. That may sound small, but it also sounds like a great alternative to the logic of the global financial market. Freischwimmen – now with Milena Preradovic. Hello Dr. Ulrich Gausmann, it’s great to have you here.
Dr. Ulrich Gausmann: Thank you very much for the invitation. I’m delighted to be here.
Milena Preradovic: Me too. Let me introduce you briefly: You are a social scientist, you studied history, sociology, political science, and economics, and you are also a bookseller and author. Your main areas of interest are the analysis and critique of capitalism, the sociology of social movements, and contemporary political issues in the age of COVID-19. You became critical at an early age and noticed that many people are wondering what an economically secure and more humane future might look like. We have already talked about your book “Wirtschaft und Finanzen neu gedacht” (Economics and Finance Reimagined). Now, together with Peter Schmuck, you have written what is essentially the sequel: “Wem die Welt gehören könnte. Eigentum in der Regionalgesellschaft” (Who Could Own the World: Property in Regional Society). It is aimed primarily at the crisis-ridden middle class, to whom you also offer solutions for the present and the future through the Utopia Academy, which you founded and run. Let’s begin: When the government is asked why the German economy and small and medium-sized businesses are in such a serious crisis, the usual answers are: Trump, tariffs, Putin, war—and even COVID-19 is still being blamed today. Do you see any solutions for the country’s decline in this government, in this system, to stop it?
Dr. Ulrich Gausmann: I don’t see any solutions because they are obviously not wanted. The major political direction is heading in a completely different direction. It is heading—there is no other way to put it—towards the destruction of industry and thus also towards the destruction of small and medium-sized businesses, which are often dependent on industry. That brings us to the heart of the matter. The crucial question is: What happens next?
Milena Preradovic: If nothing happens and everything continues as it is—where will we end up?
Dr. Ulrich Gausmann: That’s actually a question for forecasters. However, if you extrapolate the trend linearly, it will lead to the more or less silent death of small and medium-sized businesses on a large scale. This can already be seen in the latest insolvency figures. They are rising steadily. I read that the Federal Statistical Office has taken down the page with the current insolvency figures. Maybe it was a technical error, maybe it was intentional.
Milena Preradovic: Intentional.
Dr. Ulrich Gausmann: So that it doesn’t look quite so dramatic. Small and medium-sized businesses are caught in a pincer movement: from above by energy costs, regulatory costs, large corporations, and above all the platform economy, which is causing considerable problems. And from below by their own economic threats, the uncertain supply situation, and the future of the company itself—including its employees. Pressure is coming from both sides. We are losing economic power, not just in abstract terms, but in very concrete terms. And we are losing democratic substance because the shift in economic power relations is also shifting political power. The two are intertwined. Added to this are discussions about burden sharing, expropriation plans, and the like. We may come back to that later.
Milena Preradovic: Right. But first, let’s talk about possible solutions. Together with Peter Schmuck, you have developed a three-pillar model for the regional economic community that is intended to lift small and medium-sized businesses out of their predicament. Pillar number one deals with protecting private business ownership. That is a matter of utmost urgency. A state on the path to rearmament—and that’s where we are right now—needs a lot of money, and most of the time it’s our money. The SPD wants to reform inheritance tax and depicts entrepreneurs on posters as decadent Chihuahuas in the style of Marie Antoinette with champagne and wads of cash—the entrepreneur as the enemy. This raises the question: How can small and medium-sized entrepreneurs protect their money and their businesses, even across generations?
Dr. Ulrich Gausmann: This is a central issue in the context of this three-pillar model. Pillar one concerns private and business property, which is often identical in terms of ownership. The first requirement is to separate private and business matters. This is often not the case. Often, everything is mixed together: the private home belongs to both spouses, as does the company and the machinery. When an economic blow strikes, it affects private assets. That is why it is important to keep the two separate in order to decouple risks and protect private assets.
There are well-known crisis-proof legal forms. A limited liability company (GmbH) is often not suitable because there are shareholders who can be accessed in the event of insolvency. Alternatives are associations—both registered and unregistered, including non-profit associations—and foundations. These instruments are centuries old. As long as there have been organized societies, these forms have existed. They can be used to protect property in a legally secure and solid manner.
Milena Preradovic: And foundations? Is that also worthwhile for a smaller medium-sized company? It always sounds like something very big.
Dr. Ulrich Gausmann: When they hear the term “foundation,” many people think of large organizations such as the Bertelsmann Foundation. But this also applies to smaller companies. You have to examine each individual case to see whether the cost of setting up a foundation is worth the benefit. It’s always a business decision. For example, there are private-benefit foundations, such as trust foundations, which are hardly known to the public. Non-profit foundations are particularly well known. In fact, there are a large number of people who use private-benefit foundations.
Milena Preradovic: Would a foundation also protect against possible burden sharing or expropriation? This is a topic that is discussed time and again.
Dr. Ulrich Gausmann: The Burden Equalization Act of 1952 is still valid law, albeit reformed. It regulates what is affected and what is not. Exceptions include state assets such as roads, forests, and schools, as well as the two major denominational churches—but not free church communities—and non-profit institutions. These are expressly mentioned in Section 18. Non-profit foundations and associations are included. A special form of company pension, the support fund, is also exempt from corresponding measures.
Milena Preradovic: That sounds like concrete information options. Let’s move on to pillar two. This involves setting up a joint infrastructure to reduce financial burdens and risks. How should I imagine that?
Dr. Ulrich Gausmann: The idea is for companies to join forces and form joint ownership. For example, in the case of expensive production resources such as machines, vehicles, or large equipment that are not used to full capacity on a permanent basis. Instead of each company investing and taking out a loan itself, a joint company—such as a cooperative—could purchase these goods. The individual companies would rent them as needed. This avoids high investments and loan burdens with interest and repayment.
The model can also be applied to buildings and land, for example, through acquisition via foundations and subsequent leasing under a 99-year leasehold. This eliminates the need for traditional bank loans. Practical examples include the Trias Foundation in Hattingen, which has been buying and developing land since 2002 – primarily for residential purposes, but also for commercial use – and the Zviček cooperative in Bavaria.
In addition, joint training facilities or transport solutions are conceivable. The aim is cooperation: costs are shared, large individual investments are avoided, and yet the participants retain control.
Milena Preradovic: And if I rent a machine like that, am I also a co-owner or not?
Dr. Ulrich Gausmann: No.
Milena Preradovic: After all, I paid for it, didn’t I?
Dr. Ulrich Gausmann: No, you didn’t. The owner is the company that purchases the machine. You yourself have a stake in this company. That is the crucial point.
Milena Preradovic: All right. And this already exists, it works?
Dr. Ulrich Gausmann: It works smoothly. Perhaps it’s just not widely known. But it works. In Bavaria, for example, you can find out more from Zviček or a machine building cooperative. The Trias Foundation in Hattingen also has relevant information on the internet. These are examples that have been running since 2002 – in other words, for almost 25 years.
Milena Preradovic: Especially now, when things are getting really precarious for small and medium-sized businesses, such a model could become more popular. You have listed many examples in your book, which I would like to recommend to viewers. What else could be organized jointly? Could smaller craft businesses rent workshops together, for example?
Dr. Ulrich Gausmann: Exactly. They could rent workshops together, and the same applies to machines. Small and medium-sized businesses have a classic problem: they are heavily financed by credit and usually do not have large reserves. Especially in the early years, the reserves are not sufficient for larger investments. Then the only option is to go to the bank. This is already the case for land and buildings because the volumes are high. The same applies to machinery.
Then you work year after year to pay the bank’s interest and principal—always assuming that the economy will remain stable and the order situation will be good. However, if the economy collapses, the bank doesn’t care. There is a loan agreement, transfers of ownership by way of security, and land charges in the land register. In case of doubt, the collateral will be realized.
Milena Preradovic: Exactly. And initially, you mainly pay interest. You hardly make any repayments at the beginning, but instead pay interest for many years.
Dr. Ulrich Gausmann: At the beginning, you always pay more interest than you repay. That is inherent in the system.
Milena Preradovic: A major problem for small and medium-sized enterprises—and, of course, for industry as well. Another enormous problem is energy costs. In our last interview, we talked about energy villages. Are there any concrete examples in the area of energy sovereignty that can relieve the burden on various sectors of small and medium-sized enterprises?
Dr. Ulrich Gausmann: Yes, absolutely. Energy is a key issue. In addition to the energy transition villages we talked about—of which there are now significantly more, around 900 to 950 in Germany—there are numerous models of regional energy production. The sources vary: often renewable energies, biomass, or other regional resources.
At our academy conference in March, a mayor from Bavaria who has established an energy transition village explained how this can be achieved in collaboration with citizens and businesses. Both sides benefit from this. It is interesting to note that such models can also be implemented without EEG subsidies. There are numerous examples of this working in practice.
Milena Preradovic: How much cheaper does this make it?
Dr. Ulrich Gausmann: I’ll give you a slightly older example from Feldheim near Berlin. There, a kilowatt hour of electricity costs around 12 cents. The market average is around 35 to 37 cents. So that’s about a third. Heat costs around 7.5 cents per kilowatt hour.
Milena Preradovic: That’s a huge saving.
Dr. Ulrich Gausmann: Yes, and you have control over your own energy supply because it is generated and controlled locally. In most cases, cooperatives are the operators – with citizens and companies as members.
Last year, I visited a town near Münster in Westphalia that has implemented such an energy transition model. The connection rate among the population is high, there are industrial parks, and the demand for space is enormous because the electricity is so inexpensive. Energy-intensive businesses in particular benefit immediately. The municipality is debt-free, generates surpluses, and even sells electricity to Münster and Osnabrück that it does not need itself.
Milena Preradovic: That sounds like a clear locational advantage. But does it work better in rural areas? The term is “energy village.” Are there also models for large cities, or is that more difficult?
Dr. Ulrich Gausmann: It’s more difficult because you need space. It’s not feasible in downtown Frankfurt. But it is feasible on the outskirts of the city or in larger communities. Many of these so-called villages have 2,000, 3,000 or even 10,000 inhabitants – they are no longer small villages.
Several communities can also join forces. And surplus energy can be resold. This would not cover Germany’s entire energy needs, but it would be possible to supply a significant proportion of regional demand. And since small and medium-sized enterprises are predominantly regionally active, this fits in very well structurally. The resources must be available locally or at least within reach.
Milena Preradovic: Small and medium-sized enterprises are often based in rural areas. Even large global market leaders are often based in rural areas in Baden-Württemberg. But all of this also requires a change in thinking: away from competition – the carpenter next door, the bakery around the corner – and toward cooperation. And even in small clubs, there are often disputes. I know this from my former tennis club. How can such conflicts be prevented?
Dr. Ulrich Gausmann: First of all, we need to talk. Those who have been socialized to think purely in terms of competition must at some point recognize that cooperation is an alternative. Cooperation means thinking together: Who can do what with whom? What benefits everyone involved?
I don’t really understand the term “network”; it often remains abstract. Cooperation, on the other hand, is concrete. Of course, there is friction in every social group. Many entrepreneurs are used to making decisions alone. When five strong personalities come together, everyone wants to lead.
However, this can be guided and moderated. Rules can be agreed upon that everyone can agree on. Coaching and consulting can help. Existing examples show that it works over long periods of time. Of course, it can also fail if people don’t get along. But that’s up to those involved.
Milena Preradovic: Right, you have it in your own hands, whereas now you often find yourself completely helpless. Some might say, “And then a joint liability situation arises again, and at some point the strong take command.” It has to remain manageable, right? So it can’t get too big?
Dr. Ulrich Gausmann: First of all, everything is organized decentrally. Second, it is self-organized. Those involved make their own decisions. The state plays a supporting role at most. Competition remains, but it is fair and not destructive. And the whole thing is voluntary.
There are no officials, no lobbyists from large corporations who suddenly decide everything. It is not a planned economy. If anyone has this concern, it is unfounded. On the other hand, it must be noted that the ECB and the government are constantly planning.
Milena Preradovic: Basically, we already have a planned economy. This would be more of a defense against it.
Dr. Ulrich Gausmann: Exactly. It is a planned economy run by corporations. I recently read a headline in connection with armament and the war economy. It said that in the course of the transition to a war economy, we would also have to prepare for elements of a planned economy. That’s not my opinion, but that of military circles.
Milena Preradovic: When car companies suddenly start building tanks. When people hear the word “cooperative,” some immediately think, “Oh my God, socialism.” Maybe we need a new word?
Dr. Ulrich Gausmann: The term is historical and dates back to the 19th century. It has nothing to do with socialism, but goes back to figures such as Friedrich Wilhelm Raiffeisen and Hermann Schulze-Delitzsch. They were conservative, Christian-influenced politicians. There are also other traditions, for example in the Weimar Republic, but this is not a linear development.
One should not be confused by terms. The content is what matters. You can also call it a social economic community or something else – what is important is what you actually do with it.
Milena Preradovic: Which industries can benefit most from regional economic communities?
Dr. Ulrich Gausmann: There are many areas. We have already mentioned the skilled trades – small, medium, and large. Then there are machinery, energy, training associations, and agriculture. Community-supported agriculture is growing rapidly, with over 500 initiatives now in place. In addition, there is direct marketing, joint processing, retail, joint online presence, and logistics. Regional currency systems are also conceivable.
The energy industry is a growth area, as is the health sector, especially nursing care. We need a lot of nursing staff, and at the same time, costs are skyrocketing.
Milena Preradovic: What solutions are there?
Dr. Ulrich Gausmann: At our academy in March, we will present a model in which outpatient care is organized around a non-profit foundation. This refers to older people who do not yet require inpatient care but are limited due to age or illness.
The model is reminiscent of the community nurses of earlier times. In the 1980s, there was a television series called “Schwester Agnes” (Sister Agnes) – the community nurse who rode her moped through the villages and worked closely with the family doctor. That’s a good way to imagine it. Outpatient care with all the advantages: people stay in their homes, receive care, and the financing is provided by the nursing care insurance fund.
Milena Preradovic: But doesn’t that already exist? Doesn’t the existing system work that way?
Dr. Ulrich Gausmann: Yes, outpatient care exists. However, this is based on a different model that originated in the Netherlands: Buurtzorg. About 15 years ago, nursing staff there broke away from the existing system, became self-employed, and organized themselves. Flat hierarchies, independent determination of working hours and salaries. They started with four people, and today there are over 15,000 employees. They are the market leader in the Netherlands, have been awarded several times as the best employer, and work in autonomous teams.
This is a different form of care and support. When people can remain in their communities, the region also benefits: purchasing power remains local, and villages do not become deserted. Services spring up all around. In one specific example, the baker said, “I make a care roll, and one cent per roll goes to the foundation.” A winemaker released a care wine with its own label, with part of the proceeds going to the foundation. Others are developing their own products. A regional commitment is emerging because it can affect everyone.
Milena Preradovic: This shows that when everyone sticks together and doesn’t just look to the state, you can make a difference yourself. The question of costs is an exciting one, because they are skyrocketing, especially in the care sector.
Dr. Ulrich Gausmann: A few days ago, figures from the Federal Association of Substitute Health Insurance Funds were published: after subsidies, the monthly co-payment for inpatient care is between 3,500 and 5,000 euros. That is effectively unaffordable.
If, for example, someone has to go into a nursing home after a stroke, their assets are taken into account. In Germany, an exempt asset amount of around €10,000 and a monthly income of around €500 apply. Anything above that is used. After decades of working or raising children, this can lead to complete financial ruin.
This causes great anxiety. I know of a case of a 75-year-old widow with a small, paid-off house and a small pension. Her concern was: if something happens to me, I will lose everything. And that is exactly what threatens to happen.
Regionally organized, outpatient models can be used to counteract this.
Milena Preradovic: If you organize this regionally and many people participate, you can reduce costs and prevent such losses of assets?
Dr. Ulrich Gausmann: At the very least, you can significantly delay them or avoid them altogether through appropriate arrangements. In functioning social communities, people know each other and are connected. This is often different in smaller communities than in anonymous big cities. There is more room for maneuver when you are not isolated.
Milena Preradovic: Let’s go beyond care. On the subject of health: Health insurance companies are under financial pressure, hospitals are closing, and care is becoming more difficult, especially in rural areas. Appointments with specialists take months. Social security contributions could rise to 50 percent in the next few years. What can be improved beyond the state system?
Dr. Ulrich Gausmann: The basic principle remains the same: establish regional networks to bring as many vital areas as possible under our own responsibility. Care, nutrition, housing, transportation, crafts, IT—in the book, we highlight eleven areas with existing practical examples. This is not something made up.
A regional economy does not replace the global economy. But it can secure the immediate necessities of life. And that is precisely where the future lies. The current global structures no longer offer viable prospects for many people.
Milena Preradovic: That is basically a libertarian approach: less government, take matters into your own hands and do it yourself. In the end, you all come together somewhere there.
Dr. Ulrich Gausmann: There are certain points of contact. But it simply results from the situation. It is logical.
Milena Preradovic: It would also be logical to set up your own financial structures – perhaps even your own banks, if you are already establishing regional economic communities. What is the situation in this area?
Dr. Ulrich Gausmann: We are also thinking about that. Such approaches already exist – but not as classic banks with BaFin approval, deposit and lending business in the usual sense. A bank is primarily needed for loans. Historically, banks emerged as credit institutions.
However, financing can be organized in various ways. Let’s stick with cooperatives or associations: members can subscribe to shares. This is familiar from Volksbanks – anyone who is a customer there is formally a member. It would also be possible to organize direct loans from third parties to cooperatives or associations. Smaller bank loans also remain an option.
In the business sector, there is also a highly interesting source of financing that many companies are still hardly using.
Milena Preradovic: What is that?
Dr. Ulrich Gausmann: The so-called lump-sum support fund. It is regulated in § 4d of the Income Tax Act. For several years now, employers have been required to offer their employees a company pension plan. Employees are not required to accept it, but the offer is mandatory.
In practice, this often takes the form of insurance contracts – direct insurance or similar models. The money goes to the insurance company, remains tied up there, and after decades, it becomes apparent that the return is modest.
With the support fund, a pension payment is also agreed between the company and the employees. Contributions are paid in by the company and, optionally, by the employees. The difference is that the capital is not transferred to an insurance company but remains within the company or its sphere of influence. It can be invested in tangible assets – real estate, precious metals, secured loans.
Any income that exceeds the pension obligations is available to the company. This creates liquidity and additional sources of income. Basically, it creates a kind of in-house bank within the company.
Milena Preradovic: I see.
Dr. Ulrich Gausmann: This is common in large companies and professional sports. In small and medium-sized businesses, however, the traditional insurance route is often chosen.
Milena Preradovic: So we need to take a closer look at instruments like this. Perhaps you could give us a concrete example. Let’s take a baker – small bakeries are under enormous pressure. What might a regional model look like in this case?
Dr. Ulrich Gausmann: Let’s take a fictional but realistic case: a baker with twelve employees – production and sales. A few years ago, he was under economic pressure. Energy costs of €4,000 per month, strong competition from discounters, problems with finding new staff, and no secure succession plan.
Now the following could happen: he joins a regional energy cooperative and obtains electricity from a photovoltaic system organized through the cooperative. If 70 percent of his own consumption is covered, energy costs could fall from €4,000 to €2,000, for example.
Secondly, a consumer cooperative with 200 regular customers is established. These customers receive baked goods on a regular basis, sales can be planned, there are no middlemen, and prices are calculable.
Thirdly, a training association is formed with other companies to share training costs.
Fourthly, a support fund is set up. After three years, for example, €65,000 in capital could have been accumulated. Perhaps €18,000 is needed for pension obligations, and the rest is available to the company as liquidity. Part of this can be used as a loan to purchase new ovens.
At the same time, preparations are made to convert the company into a foundation.
Milena Preradovic: Why does this settle the succession issue?
Dr. Ulrich Gausmann: Because the foundation becomes the owner of the bakery or the associated real estate. A foundation does not have inheritance issues like a natural person. There is no outflow of assets through inheritance. People change, but the assets remain tied up and preserved.
Milena Preradovic: So that would give the baker a real chance of survival. Another industry that is also suffering greatly is agriculture. When agreements such as Mercosur take effect, cheap meat from South America comes onto the market, while our farmers have to meet high standards. How can a farmer gain security?
Dr. Ulrich Gausmann: In principle, the same pattern applies. First: buy regionally. Weekly markets, farmers‘ markets—that’s a direct vote for regional agriculture.
Second: community-supported agriculture, known as CSA. There are now over 500 of these in Germany, and there could be many more. Consumers finance production in advance, giving farmers planning security.
Thirdly: cooperative processing – regional dairies, slaughterhouses, mills. Value creation remains in the region, intermediate stages are shortened, dependencies are reduced.
It is always a question of anchoring production, processing, and consumption more strongly in the region again. This creates stability – economically and socially.
Milena Preradovic: This often already exists.
Dr. Ulrich Gausmann: Yes, such structures already exist. But there could be significantly more. As far as Mercosur is concerned, we cannot directly influence that at the moment. Farmers have protested, and the agreement is at least on hold. It has not yet been decided.
Milena Preradovic: However, Friedrich Merz has said that he wants to push ahead with it anyway.
Dr. Ulrich Gausmann: Such statements are made time and again. But we also need to move away from the narrative that the cheapest product is automatically the best. That’s not true. If a kilo of beef costs €4.99, we pay the true price elsewhere – in terms of animal welfare, the environment, working conditions, and farmers‘ incomes. A realistic price for a kilo of beef is more likely to be between €20 and €25.
Milena Preradovic: So we need to rethink our approach. “Being stingy is cool” may have been a motto in the 1990s, but it no longer applies today. Now some small and medium-sized businesses are asking themselves: Sounds good – but how do we get started? And that’s where your Utopia Academy comes in. What exactly do you offer and who is it intended for?
Dr. Ulrich Gausmann: The academy is a practical workshop for small and medium-sized businesses. It is aimed at entrepreneurs who want to put the ideas we talk about into practice.
We offer specialist lectures on topics such as energy, property security, financing, and cooperation. Above all, however, we work in workshops and working groups on the specific questions of the participants—not on what we consider important, but on what moves them.
The group is deliberately limited to around 25 medium-sized companies so that intensive work can be carried out. Over three and a half days, a concentrated working atmosphere is created. At the end, each participant goes home with a concrete twelve-month plan: Who does what, when, and with whom?
This is followed by six months of free online follow-up support with an exchange of experiences. In addition, chamber professions are represented—tax advisors, lawyers—and, above all, practitioners who have already implemented successful models.
Milena Preradovic: So you also help with networking. Many people don’t know where to start or who has similar interests.
Dr. Ulrich Gausmann: Exactly. The academy will take place in the Southern Palatinate from March 19 to 22. Registrations are coming in from Saxony, northern Germany, Bavaria – entrepreneurs who would never meet in everyday life.
New perspectives emerge in conversation. There is a saying: competition stimulates business, cooperation ensures survival. That’s what it’s all about now. Networking and getting to know existing examples. Many will be surprised at what already exists.
Milena Preradovic: You hardly notice it. It’s almost like a parallel structure to the state. Has it gained momentum since Corona?
Dr. Ulrich Gausmann: Yes, definitely. An example: There are around 8,000 cooperatives in Germany. In 2000, there were two energy cooperatives; today there are around 950. That’s enormous growth.
Fifteen years ago, there were around 20 community-supported agriculture initiatives; today there are over 500. The Mietshäuser-Syndikat (apartment building syndicate) started with one project in 1989; today there are over 200. Machinery rings now have around 190,000 member farms.
Corona has accelerated this development. Supply chains broke down and dependencies became apparent. The energy crisis and the general economic crisis exacerbated this. Many entrepreneurs say: Alone, I will go under, but together I have a chance.
Milena Preradovic: And confidence in politics as a problem solver has also declined since Corona. What is the situation internationally? Are there comparable models in other countries?
Dr. Ulrich Gausmann: Yes. In Spain, there is the Basque cooperative Mondragon with around 80,000 employees, its own bank, and its own university. It has coped very well with the coronavirus crisis.
In Italy, in the greater Bologna area, cooperatives generate around 30 percent of the regional gross domestic product. In Japan, the Teikei model is considered a model for community-supported agriculture. In Switzerland, around 20 percent of apartments are owned by cooperatives.
So there are numerous examples. But the potential is far from exhausted. We don’t need 200, we need 2,000 such initiatives. The trend is there, the process is underway.
Milena Preradovic: Many people first need to learn that all this exists. I wasn’t aware of it before our first conversation either. Ulli, thank you very much for this optimistic conversation, for your ideas, and for your book. It contains at least three interviews, with many examples and sources. Thank you very much for being here.
Dr. Ulrich Gausmann: Thank you for the conversation. It was fun.
Milena Preradovic: As always.
Well, folks, we need to take action. Let’s move away from powerlessness and the expectation that the government will solve everything. When we start projects ourselves and take responsibility, it also changes something in our minds and feelings. Those who take action don’t feel powerless. I wish you all the best. See you soon.
Nötig ist ein Kapitalzinsverbot. Nötig ist eine öko-konservative Politik gemäß Herbert Gruhl.
https://jlt343.wordpress.com
„Jesuanische Lebensreform“
Man möchte nicht glauben, daß es solch Hirnlose im Jahr 2026 noch gibt …
Selbst Erfahrngen mit einer SoLaWi gemacht.
Durchwachsen.
Mein Eindruck ist, dass es sich immer mehr zum Schlechten entwickelt.
Das beginnt mit kleinen Selbst-Betrügereien, Schön-Rechnereien…
Jeder bietet auf seinen Anteil, nachdem Anzahl Teilnehmer und voraussichtlicher Ertrag mitgeteilt wurden.
Danach bemerkt man, dass man ja eigentlich schon gerne noch etwas mehr Anteile vergeben würde, um Finanzierungslücken aufzufüllen. Also werden (hinterher!) weitere Anteile vergeben.
In dieser Gemeinschaft fällt keinem auf, dass ihr Anteil damit automatisch kleiner geworden ist.
Ich weiß nicht, ob es an mathematischen Schwierigkeiten bei Personen liegt, aber man muss da Menschen dann wirklich erst drauf hinweisen (dann regen sich sogar einige auf, was bestätigt, dass sie es einfach nicht kapiert hatten).
Dann werden Ernteanteile plötzlich zusätzlich auf dem Wochenmarkt verkauft, an Bioläden verkauft.
Und im wieder nächsten Schritt müssen die Mitglieder sogar diesen Verkauf noch mitgestalten, beim Verpacken helfen.
Ein idealistischer Gärtner schuftet sich in den Burnout, weil er das Projekt retten will. Er hält die Gleichberechtigung und Hierarchie-Freiheit hoch bis zuletzt. Er ist der Erfahrenste UND der, der am meisten arbeitet.
Aber er verzichtet auf mehr Gehalt. „Alle gleich!“.
Konsequent bis zuletzt.
Bei der nächsten Versammlung wird mitgeteilt, dass dieser gewisse Gärtner nicht mehr mitarbeiten wird, sozusagen in Rente geht, nicht mehr „kann“.
Und in der selben Versammlung wird erstmalig die Regel aufgestellt, dass die mit „mehr Verantwortung“ mehr Gehalt bekommen sollen.
Also die Regel stellen nun die auf, die zuvor nicht von ihr profitiert hätten, weil sie da nicht die Erfahrensten waren.
Jetzt, da sie selbst in der Hierarchie aufsteigen würden, sind sie urplötzlich für eine Hierarchie?!
Und dann diese Leute, die immer mehr nur in Gremien sitzen. „Beraten“ nennt sich das dann. Die Erfahrung vom Acker einbringen, heißt es dann.
Wenn sich die Mitglieder also „ehrenamtlich“ treffen, sitzen die bezahlten Gärtner dabei.
Man kann das alles sicher auch freundlicher betrachten. Vielleicht ist es auch eine misstrauische Sicht. Aber die Zeit macht deutlich, dass die Mitgliedsbeiträge drastisch ansteigen, die Ernste voraussichtlich eher abnehmen wird. Es beginnt bereits, dass die ersten Anteile nicht mehr vergeben werden können, mangels Interessenten.
Es wird die Mitarbeit auf dem Feld eingeführt, für die Mitglieder, gleichzeitig der „erwartete“, durchschnittliche Beitrag für den Anteil erhöht.
Ja, plötzlich ist es dann gar nicht mehr so kuschelig.
Es kommen Forderungen auf: Entweder mitarbeiten oder mehr bezahlen.
Wo ist sie hin, die Solidarität?
Mit Arbeitnehmern, die keine Zeit für Feldarbeit und ausführliche Gremien-Aktivitäten haben und trotzdem nicht (noch) mehr zahlen können (oder wollen?).
Ich warte immer darauf, mal zu hören, dass so etwas wirklich längere Zeit gut läuft.
Als Privatperson, als ich von Lösungen nur für die „Großen“, hörte, was Vermögensschutz anging, dachte ich vor einem Jahr ca. auch, dass man sich „einfach“ zusammenschließen müsste.
Aber MIT WEM?
Gleichgesinnte.
Vertrauenswürdige.
Jeder zahlt gleich viel ein?
Was ist, wenn einer „bankrott“ geht? Haften dann alle? Hier braucht man Anwälte für Verträge.
Ich hatte nur die Idee, aber ich bin Laie. Da hat man keine Chance.
Diese ganzen „Lösungen“ von Marc Friedrich oder Krall, das sind doch auch alles wieder nur Daten-Sammel-Kraken, intransparent, mit wenig Einflussnahme auf die genaue Ausgestaltung.
Zum Beispiel das mit der zu vermeidenden Sammelverwahrung für Aktien.
Oder angeblicher „Lösung“ mit Namens-Aktien.
Im „UnterBlog“ wurde recherchiert, dass bei Lösungen schon eine Depot-Eröffnung ca. 30.000 Euro kosten würde, und dann jedes Jahr Gebühren von nochmal 30.000 Euro.
Das ist ausgeschlossen für Normalos.
Aber ist es ausgeschlossen für eine Gemeinschaft aus 10-15 Leuten??
Leute mit ähnlicher Vermögensstruktur, ähnlichen Ansichten, und mit juristischer Beratung.
Nur wie finden?
http://valentin-wember.com/VIDEOS/
ein 7 Minuten Video zu diesem Thema. Gehört noch zu meinem Beitrag von vorhin.
Der Wember ist lustig !
Er erklärt die Grundideen von Karl Marx und Friedrich Engels.
So funktioniert der Mensch aber nicht, das haben wir schon hinter uns.
Ein sehr erfreuliches Gespräch!!! Nicht nur die meist sehr berechtigte Kritik, sondern spürbare soziale Zukunft, die wir Menschen selbst gestalten lernen und uns nicht im üblichen Verfahren von nicht erneuerbaren unmenschlichen Systemen in den Abgrund steuern lassen. Und natürlich ist die sehr große Herausforderung das Bilden von sozialen Fähigkeiten, gewissermaßen „von oben bis unten“.
Es sind in diesem Gespräch deutlich Komponenten aus der sozialen Dreigliederung wahrnehmbar, die kulturell-geistig für die Zukunft Grundgedanken und -Wahrnehmungen liefert, die wir selber denken lernen sollten, damit wir Zukunft haben und nicht nur Vergangenheit vor uns her schieben und uns wundern, dass keine Entwicklung statt findet, die wir aber existenziell brauchen. Es gibt z.B. darüber ein sehr gutes allgemeinverständliches Buch von Valentin Wember – es heißt einfach „Dreigliederung“. Hoch aktuell und das „große Ganze“ betreffend.
Und es trifft sich gut mit dem Inhalt dieses Gespräches zwischen Milena Preradovic und Ulrich Gausmann. Das hat mich sehr gefreut! Herzlichen Dank!
Wie soll man Vermögen (für sich!) über Stiftungen schützen, wenn diese dann gemeinnützig sein müssen? Gemeinnützig ist doch nun mal nicht „für mich“?
Können Sie das vielleicht nochmal bei ihm fragen, wenn Sie ihn nochmal interviewen?
Und was private Personen tun können, die keine Firma (und auch noch keine Millionen) besitzen? Ich habe da bisher nichts Brachbares gehört. Manche sagen, Nutzrechte lebenslang eintragen lassen für sich, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die das nicht aushebeln werden. Es gab ja auch schon Entwürfe dafür, wie man beziffern kann, welchen finanziellen VORTEIL Menschen haben, die in ihrem EIGENHEIM selbst WOHNEN. Warum wohl? Weil das dann auch versteuert/enteignet werden muss.